Juli 28

Paniker:innen sind ideale Frugalist:innen…

Ich weiß heute nicht ganz, wie ich das strukturell am besten angehe. Ich glaube ich fange beim “…Mit ein bisschen Glück”, dem Untertitel, an.

Ich hab es ja schon mal angesprochen, dass psychische Krankheiten oft mit Armut (für deutsche Verhältnisse) zusammen gehen. Weil man einfach oft nicht in “gängigen” Jobs arbeiten kann, die normal bezahlt werden. Oder, wenn es geht, ist man vielleicht weniger belastbar, kann nur wenige Stunden arbeiten oder wird irgendwann rauskomplimentiert, weil man zu viele Ausfälle hat. Ich weiß also, dass das, was ich jetzt beschreiben werde, lange nicht für jede:n gilt. Und ich hoffe, niemand fühlt sich verarscht von dem, was ich hier formulier. Ich weiß, dass es in gewisser Weise auch einfach Glück ist, wenn man genug Geld zum Ok-Leben hat.

Nach diesem Disclaimer, Thema der heutigen Stunde: Frugalismus. Ich glaub, das ist ein relativ unbekanntes Konzept und die, die es kennen, haben eher so weirde Hippies vor Augen. Naja, klar, wenn man eine Doku zu dem Thema macht, sind die extremen Leute spannender und dann zeigt man eher den Typen, der sich nicht mal Schuhe kauft, weil man barfuß ja eh viel mehr mit der Erde verbunden ist, und der sich eine Hütte im Wald gebaut hat und nur von selbst Angebautem lebt.

So, jetzt erst mal auch denen, die den Begriff nicht kennen, ein Extrem-Bild in den Kopf gesetzt. Perfekt.

Frugalisten sind Menschen, die -bewusst- einen geringen Lebensstandard haben, was Konsum angeht. Das “offizielle” Ziel ist es, schon früh, also mit 40 oder 50 Jahren, aber zumindest weit vor regulärem Rentenalter (das wird bei uns ja vermutlich so 73 Jahre sein) finanzielle Freiheit zu erlangen, das heißt, nicht mehr arbeiten zu MÜSSEN. Betonung auf müssen – also die Wahl zu haben, es zu tun. “Inoffiziell” geht es einfach um Glücklichsein und dabei hilft TunKönnenWasManWill halt enorm.

Und das ist das alles gar nicht so extrem, wie es scheint. Die meisten Frugalisten verbieten sich nichts. Sie verzichten nicht auf ein gutes, glückliches Leben, nur um möglichst früh nicht mehr arbeiten zu müssen (und sie sind auch nicht faul). Frugalisten entscheiden sich im Prinzip nur bewusster fürs Sparen und sind damit eigentlich die deutschesten Deutschen, die es gibt – auch wenn das Konzept ursprünglich aus den USA kommt (der vermutlich berühmteste Frugalist bzw der, der das Konzept “groß” gemacht hat, ist Mr. Money Mustache).

Und wenn man mal drüber nachdenkt: Es ist ja eigentlich zumindest kurios, dass wir gar nicht hinterfragen, warum wir nach einer Zeit des knappen Geldes (meist irgendeine Art von Ausbildung), automatisch unseren Lebensstandard hochschrauben, wenn wir mehr Geld verdienen. Irgendwie gehen wir einfach davon aus, dass wir in Ausbildung/Studium VERZICHTET haben und wir jetzt aber richtig leben wollen.

Beispiel Wohnsituation. Viele neigen dazu, sobald es finanziell möglich ist, sich wohnraummäßig zu vergrößern bis hin zum Haus, wenn man Familie hat. Und irgendwie nimmt man automatisch an, dass mehr Platz auch glücklicher macht. Für manche oder viele, kein Plan, ist das sicher auch so. Aber man bezahlt eben nicht nur mit höheren regelmäßigen Ausgaben dafür, sondern auch mit Lebenszeit. Denn falls man Wert auf Ordnung und/oder Sauberkeit legt, muss man halt mehr Zeit aufwenden, um’s sauber zu halten. Wo mehr ist, kann auch mehr kaputt gehen und muss repariert werden. Wenn man daran Spaß hat, dann ist das wiederum keine Ausgabe sondern eine Einzahlung auf frohmachend genutzte Lebenszeit, klar.

Und wer jetzt berechtigterweise einwirft, dass ich ja auch in einem Haus mit VIEL zu viel Platz für mich wohne – korrekt. Allerdings in meinem Fall ist es die finanziell günstigste Wohnsituation, die es für mich gibt. Plus mich macht weniger das Haus glücklich, sondern vielmehr das Grundstück mit allem was da kreucht und fleucht drumherum. Das krieg ich ja nun mal nicht ohne Haus. (Und ich putz ja fast nie, also habe ich keinen Mehraufwand was Zeit angeht. Außer ich krieg Besuch.)

Naja, aber egal auf welchen Lebensbereich man das anwendet, insgesamt gilt: Es geht nicht um Verzicht, der weh tut. Man schränkt sich nicht ein und leidet drunter, nur damit man später nicht mehr arbeiten muss. Sondern es geht einfach darum, sich bewusst zu fragen, was man eigentlich wirklich braucht und wo man nur irgendwie das Gefühl hat, das macht man ja so und das macht ja alle anderen auch glücklich oder “whole”. Bzw. in welchen Bereichen man noch nie drüber nachgedacht hat sondern einfach macht.

Wenn man zum Beispiel eh lieber mit dem Fahrrad überall hin fährt, weil man das für gesünder für sich hält, weil man dann den Kopf frei bekommt, weil man persönlich damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will, kann man sich zusätzlich aus finanziellen Gründen gegen ein eigenes Auto entscheiden. Dann ist man bereits im Grundmindset eines:er Frugalist:in.

Wenn man keinen Wert darauf legt, viel auswärts zu essen, weil man dann nicht weiß, was drin ist, weil man sich das Mittagessen lieber mit zur Arbeit bringt, anstatt in der Kantine zu essen, weil man Spaß hat am (geselligen) Kochen und eben außerdem, weil es auf Dauer viel Geld spart – Frugalist:in-Anfänge.

Wenn man die letzten 10 Jahre und auch die nächsten 40 Jahre nicht in den Urlaub fährt, egal ob nah oder fern, weil man das durch die Panikattacken nicht kann, das aber gar nicht vermisst, sondern statt dessen anfängt, das dort nicht ausgegebene Geld zu sparen statt anderweitig auszugeben: Teilzeit-Frugalistin.

Schon ein langer Text und jetzt kommt eigentlich erst der Panik-Spin: Angststörungen gehen super oft mit Einschränkungen einher. Man nimmt in vielen Bereichen nicht so richtig am öffentlichen Konsumleben teil. Bei mir ist das eben z.B. Essen gehen, in den Urlaub fahren, auf Festivals gehen, generell alle Veranstaltungen, die nicht in meiner eigenen Stadt sind. Kino nur, wenn ich mich wirklich gut fühle. Ich geh nicht nur mal bummeln und kauf dann Klamotten, einfach weil ich sie grad schön finde.

Gleichzeitig hab ich natürlich keine “normalen” Einnahmen, das heißt, ich hab nicht das gleiche Geld zum Ausgeben wie andere meines Bildungsstandes. Und außerdem hab ich mich dafür an viel mehr Online-Geldausgeben gewöhnt (Shoutout an Steam, bei denen ich alleine 56 gekaufte Spiele liegen habe). Aber seit ich mich mit meinen Finanzen näher beschäftige und speziell mit dem Plan oder dem Wunsch, meinen Lebensabend mit so wenig Armut wie möglich zu gestalten, sind natürlich die Online-Ausgaben das erste, was man simpel streichen kann – erst mal die 56 Spiele alle durchzocken, bevor ich ein Neues kaufe. Und so ist mir aufgefallen, dass es ja irgendwie auch ein “Glück” ist, dass ich nie in diesen selbstverständlichen Konsum als Ausdruck von zufriedenem Lebenswandel reingeraten bin.

Was ich sagen will: Wenn man ja eh schon auf Krams verzichten muss, weil die Psyche es einem schwer macht, dann kann man dem Ganzen ja auch einen anderen Dreh geben. Dann kann man vielleicht manchmal sagen “Geil, das Geld wird gespart, das Geld wird investiert*, dann hab ich später was davon und es hat irgendwo auch sein Gutes, dass ich das jetzt nicht ausgebe” statt sich dauernd selbst Vorwürfe zu machen, dass man an diesem “normalen” Leben nicht richtig Teil haben kann. Und wenn es nur ist, dass man sich nur noch halb so viel Sorgen im Alter machen muss, weil man im Jetzt keiner Arbeit nachgehen kann, die auch nur annähernd genug Rentenansprüche generieren würde, damit man über die Runden kommt (wenn es sowas unter den mittelgut bezahlten Jobs denn überhaupt gibt aktuell).

Dies war also ein weiteres Kapitel im Bereich Reframing von Folgen deiner Angststörung. Ist alles ein bisschen idealistisch und wenn man unter was leidet, nervt es, wenn eine:r kommt und sagt “Aber sieh es doch mal positiv!”. Voll. Aber manchmal komm ich selber einfach gar nicht auf ne neue Sichtweise, bis sie mir jemand anderes unter die Nase hält, darum mach ich das genauso (also unter die Nase halten).

*jahaaa, ich bin immer noch dran am Off Topic-Artikel über simples Anlegen statt Geld verschimmeln lassen

Juli 11

Seitwärtsentwicklung

“Wenn ich in 30 Jahren noch genau da stehe, wo ich heute bin, dann bin ich die glücklichste Person der Welt”.

Das sag und denk ich oft. Aber wenn ich das sage, gerade zu Menschen, die mich nicht seit 100 Jahren kennen, hat das schnell eine Aussage, die ich gar nicht machen will: Es wirkt, als würde ich mich nicht mehr weiterentwickeln wollen.

Kompletter Stillstand ist glaube ich das Schlimmste, was sich die meisten vorstellen können. Manche wollen keinen Stillstand in der Karriere, die wollen weiter kommen, andere wollen im Alltag keinen Stillstand, sondern immer was Neues zu erleben, wieder andere beziehen das eher auf eine mentale Entwicklung und empfinden geistigen Stillstand als den Anfang vom Altsein aka einrosten.

Dem letzten Teil stimme ich zu.

Also für mich persönlich. Es muss sich nicht jede:r andere dauernd entwickeln und auch nicht bis zum Lebensende. Ich möchte das nur für mich.

Aber halt anders als man meint. Ich will nicht größer werden oder mehr werden oder weiter kommen, als ich jetzt bin. Ich hab kein höheres Ziel mehr. Ich bin komplett angekommen. Und das macht alles so stressfrei glaube ich.

Ich glaube, für gewöhnlich will man sich nach oben entwickeln – und ich will mich lieber zur Seite entwickeln. Wenn mich was interessiert, will ich es machen. Aber nicht, weil ich damit irgendwie besser oder klüger oder gebildeter werden will, sondern einfach, weil es mich interessiert. Jetzt gerade. Und wenn ich damit was machen kann – geil. Aber ich hab in meinem leben auch schon genug große Pläne und Ideen gehabt, um zu wissen, dass ich die eh nach kurzer Zeit wieder aufgebe, weil ich dann wieder was anderes Spannendes gefunden habe, das das nächste große Ding wird.

Nicht mein Punkt.

Mein Punkt ist: Stresst euch nicht mit dem hochleveln. Vielleicht seid ihr schon da wo es maximalglücklich ist (aber nur, wenn ihr glücklich seid – wenn nicht, dann ist da noch Luft nach oben). Und ihr merkt das nur nicht, weil ihr noch höher wollt. Oder weil ihr meint, ihr müsst auf das gleiche Level kommen, wie die “Normalen”. Die normalen Menschen können und machen viel mehr als ich. Die haben ein gefühlt erfolgreicheres Leben, weil sie aus ihren Anlagen und Möglichkeiten was machen, oft das Maximalmögliche. Man gibt Paniker:innen manchmal das Gefühl, dass wir hinter unseren Möglichkeiten zurück bleiben. Was wir alles machen/werden könnten, wenn wir diese Panik überwinden würden! Aber wir bleiben gar nicht (unbedingt) zurück. Ich zumindest nicht. Ich hab alles, was ich brauche und ich will gar nicht weiter sein. Ich will auch nicht weiter kommen.

Stattdessen lernt mal was Sinnloses. Lernt, wie man eine Eule ausstopft. Aus der Luft gegriffenes Beispiel.

Juli 7

Irgendjemand muss doch Schuld haben? Vol 1

Also als allererstes, damit wir das aus dem Weg haben: Fuck Nazis. Big time.

Nachdem das Offensichtliche geklärt ist, kommen wir zum heutigen Thema. Ich bin bei dem beliebte Hassredemedium Facebook in einer Gruppe, in der sich Menschen austauschen, die unter Angststörungen, Depressionen, Borderline und ähnlichen psychischen Krankheiten leiden. Und der Umgangston da ist für gewöhnlich sehr gut. Es gibt eine meist recht angenehme Diskussionkultur, was beeindruckend ist, wenn man bedenkt, dass wir da größtenteils alle n ganz ordentliches Paket mit uns rumtragen. Und klar fällt es den Teilnehmer:innen oft schwer, Dinge positiv zu sehen. Das bringen ja schon einige der Krankheiten als Symptome mit sich, wenn es noch nicht mal darum geht, wie man als psychisch Kranke:r in der Gesellschaft manchmal hinten rüber fällt. Das kommt dann noch obendrauf.

Das heißt aber nicht, dass mir alles gefällt, was da geschrieben wird.

Eins der wiederkehrenden Themen, die mir besonders missfallen, ist die Suche nach Gründen und Schuldigen. Und ich meine damit nicht Ursachenforschung. Sondern eher, wenn es darum geht, dass beim Status Quo, da wo man jetzt aktuell steht, gerade was scheiße läuft und irgendwer Schuld daran haben muss.

Naturgemäß ist es in dieser Gruppe ganz oft so, dass man sich selber beschuldigt, sich selber fertig macht. Das wird übrigens Vol 2. Das ist aber nicht so toxisch, weil die meisten Kommentare nicht in die gleiche Kerbe schlagen.

Oft sind aber auch andere Schuld und zwar dann meistens kollektiv.

Ich kann nachvollziehen, dass es sich so anfühlt, als hätten sich alle verschworen, wenn man scheiß Erfahrungen macht. Psychisch kranke Menschen haben oft weniger Energie übrig für zwischenmenschliche Feinheiten, das schließt das Abscannen von Leuten mit ein, und das lockt toxische Menschen an. Menschen, die spüren, dass sie da jemanden vor sich haben, der:die weniger Energie hat, um z.B. Grenzen zu setzen. Total verständlich, dass man vorsichtig wird, wenn man oft an solche geraten ist. Und von Institutionen, die sich passiv und aktiv als null hilfreich erweisen, fang ich gar nicht erst an.

Was ich nicht akzeptieren kann, ist, wenn man sich dem ergibt und sich drin wälzt. Wenn man davon ausgeht, dass alle anderem einem Böses wollen werden. Dass allen Menschen als zukünftigen Partnern(m/f/d) nicht mehr zu trauen ist, weil der:die letzte Partner:in einen verlassen und belogen hat. Das Gleiche bei der Geschichte, dass “heutzutage”™ Menschen “einen nicht mehr nehmen wie man ist”™. Dass dann so viele Betroffene nicht sehen, dass es NATÜRLICH auch eine Aufgabe ist, mit einem:r psychisch Kranken zusammen/befreundet zu sein und dass man Partner:innen/Freund:innen zugestehen muss, sich selbst schützen zu dürfen, um nicht im übertragenen Sinne co-abhängig zu werden.

Mein größtes Problem dabei ist, dass es dann in den Kommentaren so viel Zustimmung gibt. Ich glaube, viele machen das, um der Person ein gutes Gefühl zu geben. Dass sie sich verstanden fühlt, sie soll nicht wieder auf Konflikt stoßen, sondern sich einfach mal “ausheulen” können. Dass das langfristig natürlich genau nicht gut für die Person (und auch sich selber ist), dass das ein Menschenbild festigt, das nur noch von Mistrauen geprägt ist, was halt nicht nur die Sozialkontakte beeinflust sondern auch ganz simpel die Everyday-Stimmung – denken die Zustimmer nicht dran. Naja und natürlich empfinden es auch einige der Zustimmer einfach genauso. Und so vergewissert man sich gegenseitig, dass die Welt doch schlecht sei und eine Gruppe ganz besonders.

Der Auslöser, weshalb ich dieses schreibe:

Aktuell hat eine Benutzerin ihre Vergewaltigungsgeschichte geteilt. Der Schwerpunkt des Posts und auch einiger ihrer Antworten in der Diskussion liegt nicht auf der Ebene, wie es jetzt psychologisch weiter geht, sondern ganz klar auf den Tätern. Die sind ausländisch, das wird betont und “man hat ihr gesagt, dass man sie darum nicht verurteilen darf” (verurteilen im juristischen Sinne gemeint).

Es macht mich ärgerlich, wie dankbar diese Vorlage aufgenommen wird. Ich finde es traurig, dass in einer Gruppe, in der sich Leute zusammen finden, die in der Gesellschaft oft benachteiligt werden aufgrund eines Faktors für den sie nichts können, dass genau diese jetzt so darin wiederfinden, eine komplette Gruppe zu verurteilen, die noch weniger privilegiert sind als sie selber. Die sich noch weniger wehren können und die noch weniger an ihrem Zustand (=nicht”deutsch” aussehen) ändern können als wir.

Besonders ironisch kommt es mir da vor, dass ich in den Entwürfen hier schon einen Beitrag liegen habe, der sich damit auseinandersetzt, ob psychisch Kranke eher zu Verschwörungen neigen (bei denen es ja darum geht, dass es ein klares Feindbild gibt, das für den ganzen Scheiß verantwortlich ist), da man ja oft mal so daher sagt “xy sollte mal mit solchen Ansichten zum Therapeuten gehen”. Ich wollte darüber schreiben, dass psychische Krankheit nicht automatisch oder sogar nur vermehrt dazu führt, dass man so wird.

Und ich werd’s auch noch schreiben, denn ich bleib dabei. Ich will nämlich nicht anfangen, aufgrund eines Einzelfalls an einer ganzen Gruppe zu zweifeln (zu der ich zwar gehöre, aber das haben ja alle, die die Schuld bei anderen suchen gemeinsam: “Ich mein ja nicht alle, es gibt auch Ausnahmen.”), nur weil da grad welche wirklich bescheuert sind. Es macht nur einfach so müde.

Es ist einfach so vertrackt, dass Schuldige (als Gruppe) gesucht werden, wo es keine Schuldigen gibt. Weil niemand an einer psychischen Krankheit Schuld hat.* Und ich glaube, dass Dinge einfach passieren, das ist ganz schön schwer auszuhalten. Da wär ich dann wieder bei meinem Entwurf über Verschwörungserzählungen, der mal dringend fertig werden muss. Das ist einer der Hauptmotoren.

So, genug passiv gemeckert, jetzt wird auch noch an der Lösung gearbeitet: Wer sich, sei’s auch nur virtuell, ein bisschen mehr engagieren oder auch nur informieren will, ich hab ein paar Links:

Hass hilft – eine Organisation, die Hassrede mit Spenden begegnet (angefangen mit dem geilen “unfreiwilligsten Spendenmarsch der Welt” und nun Online-Spendenaktion bei Hasspostings)

Hassmelden – eine Webseite, denen man Hassposts mitteilen kann, damit die den Anzeigeprozess bei der Polizei übernehmen, wenn man ihn selbst scheut

BKA-Meldestelle – wenn man selber anzeigen möchte, hat das BKA eine extra Meldestelle für Hetze im Internet eingerichtet

Exit Deutschland – ein Verein, der Ex-Nazis hilft, aus der Szene auszusteigen (in der Facebook-Gruppe gabs natürlich auch ein paar dankbare Anheizer, die ich tatsächlich als Nazis bezeichnen würde, deshalb passt das mit rein)

Bundeszentrale für politische Bildung – die haben wahnsinnig viele Infos, Podcasts und vor allem Literatur für ganz kleines Geld, z.T. Gratismaterialien zu allen möglichen gesellschaftlichen Themen, eben auch denen, die mit Hasserzeugung zu tun haben

Und (eingeschränkt durch ihre schlechte Reaktion bei der zurecht kritisierten Aktion mit der Stehle mit Asche), wer es weniger pragmatisch-diplomatisch, aber dafür mit mehr Aufruhr mag: Werde Komplize beim Zentrum für politische Schönheit! Da gibt es auch eine Gratis-Ausstattung für Neu-Komplizen.

(von denen stammt auch der Leitspruch meines Titelbilds)

Und weil ich nie weiß, ob man stilistisch die wichtigste Aussage an den Beginn oder das Ende eines Aufsatzes packt:

Nazis raus. Fuck AfD.

*ausgenommen natürlich EINZELPERSONEN, die bei jemandem ein Trauma ausgelöst haben

Juli 5

Es gibt kein schlechtes Wetter

Heute ist es rummelig draußen*. Wind, “kalt” (für Juli), Regen – aber nicht mal richtiger Regen, sondern die meiste Zeit dieses Sprühzeug.

Das zieht viele Menschen runter und ich kann auch nachvollziehen, weshalb. Grad die, die gern draußen sind, die aktiv was machen wollen, für die ist das nichts, noch dazu an einem Sonntag.

Ich habs gern. Das ist ein wenig so ein ähnliches Konzept wie bei meinem Corona– oder dem Hobby-Post. Bei so nem Wetter kann man sich dem Gelungere doch voll hingeben – ich meine, was soll man denn anderes machen? Ich würd ja rausgehen, wenn ich könnte, aber es ist ja echt ungemütlich.

Da kann ich dann endlich mal drinnen bleiben. Und ich meine, es ist Sonntag, also macht man ja auch keinen Krams, der gemacht werden “muss”. Ich sag das als eine, die eh nicht viel macht/machen muss, aber halt heute aus Prinzip nicht. Ich mag diese Regentage. Ich mag’s, wenn es im Wohnzimmer dämmert und wenn ich nicht die Jalousien halb runter machen muss, damit es nicht im Fernseher reflektiert, wenn ich ein Spiel (aktuelles Lieblingsgame übrigens dieses) spielen möchte.

Gerade für Leute, die sonst im Hamsterrad** sind, sollte ein Tag wie dieser als Gammeltag willkommen geheißen und unter Gemütlichkeit statt Eingesperrtsein gespeichert werden. Vielleicht sag ich das leicht als eine, die nicht gern ausgeht – aber ausgehen ist ja nicht das Gleiche wie rausgehen. Ich geh gern zu meinen Getier raus. Aber ich hab echt nichts dagegen, mich auch mal richtig einzumurmeln, auch im Sommer.

Der Fachbegriff ist “Eichhörncheneinmuckeln”, das hab ich von Matti, dem Trolljungen bei Lady Lockenlicht gelernt, das muss also stimmen. Ich hab gerade mal wieder Halsschmerzen, da kann man dann sogar noch Tee mit ins Portfolio aufnehmen, für den besonderen Gemütlichkeitskick.

Für viele Paniker:innen ist dieses Wetter übrigens unabhängig vom “Ich würde lieber drinnen bleiben, aber die Gesellschaft erwartet von mir, dass ich ein aktiver Mensch bin”-Dilemma eine Erleichterung. Viele haben Probleme mit Sommerhitze, weil es ihre Angst verschlimmert. Angst vor Ohnmacht, Angst vor Herzinfarkt, Angst vor Dehydration, Angst vor Krebs (gut, letzteres sind eher die Hypochonder, aber da sind die Übergänge ja fließend), das machen Hitze und/oder Sonne natürlich schlimmer.

Ich hatte Gott sei Dank nur einen Sommer, in dem das schlimm war und der ist schon sicher über fünf Jahre her, aber da hab ich schon Herzklopfen bekommen, wenn ich morgens wach wurde und die Sonne wieder schien. Und ich wieder wusste, sollte es hier im Schlafzimmer unaushaltbar werden, kann eigentlich nur noch in den Keller. Und danach kann man nicht mehr ausweichen (abgesehen davon, dass eine ungewohnte Schlafgelegenheit dazu führt, dass ich schlecht (ein)schlafen kann und wenn ich schlecht einfschlafen kann, dann fang ich an, Angst zu kriegen, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen kann und dann kann ich natürlich die ganze Nacht nicht schlafen und dann habe ich Angst, dass mein Kreislauf deshalb zusammenkracht…sagte ich schon Hamsterrad?). Ich hab nie im Keller geschlafen, aber ich hab in dem Sommer generell weder gut geschlafen noch war ich gut wach. Aber ich habe sehr gut und vorbildlich getrunken.

Ja, es ist ein guter Tag heute.

Und natürlich werd ich bei richtig geilem Sonnenwetter auch noch mal einen Post schreiben, weshalb es besonders bei toller Sonne wunderschön viel Spaß macht, drinnen zu bleiben. Weil ich auch dafür die passende Hirnkleidung habe.

*Für alle, die in meiner Gegend wohnen. ja möglicherweise habe ich angefangen, diesen Post zu schreiben als noch Kackwetter war und möglicherweise habe ich dann erst Pausen und Nickerchen und Ähnliches gemacht und möglicherweise ist es jetzt eigentlich ganz schön. Für alle, die nicht in der Region wohnen: Der Post ist ganz nah am Tagesgeschehen dran.

**Stichwort Hamsterrad: Ich als ausgewiesener ESC-Fan muss natürlich hinweisen auf den netten Netflix-Film Eurovision Song Contest – The Story of Fire Saga. Für nen Will Farell Film (und wenn man ein paar faktische Eurovision-Ungenauigkeiten ausklammert, wie ich einklammernd bemerken möchte) fand ich den wirklich sehr schön und liebevoll

Juli 3

Transparenzpost

Ich wollte nur mal eben sagen: Alles, was ich bisher hier hochgeladen habe, ist so bereits woanders veröffentlicht worden.

Darum gibts hier jetzt auch alles am gleichen Datum.

Ab morgen (oder so) also neuer, fresher, nichtssagender Content hier auf diesem Sender. Auch immer noch auf Medium, aber eigenes Blog war auf Dauer doch irgendwie hübscher. Fand ich.

Juli 3

Ich hab heut richtig schlechte Laune, ich bin total mies drauf…

Clickbait. Ätsch.

Ich hab heute ziemlich gute Laune. Ich hab viel geschafft, es ist schön draußen und ich kann schön drinnen rumhängen.

-Ah fuck, ich muss das Getier noch in’s Bett bringen, bin in fünf Minuten wieder da-

So, jetzt. Das Getier ist mit ein Grund, weshalb mein Tag so gut war. Wer Probleme mit Meditation/Achtsamkeits-Übungen hat, dem kann ich wärmstens zwei Küken empfehlen, die sich an einen schmiegen, etwas nibbeln und dabei leise vor sich hin zwitschern. Also sehr entspannender Abend nach einem sehr produktiven Tag.

Und trotzdem möchte ich über schlechte Laune reden. Vielleicht inspiriert von der Achtsamkeits-Übung. Da soll man ja oft Empfindungen spüren, ohne zu bewerten. Also wenn etwas weh tut, ist da erst mal nur was Schmerzendes, aber nichts Negatives. Eine gute Übung finde ich.

Aber wisst ihr, was noch eine gute Übung ist? Sich vornehmen, schlechte Laune zu haben.

Ich hab mal einen Schlechte-Laune-Tag gemacht. Geplant, freiwillig, bewusst. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich mir das am Tag vorher überlegt habe oder am gleichen Tag morgens. Ich GLAUBE, vorher, weil ich nämlich auch zeitnah einen Gute-Laune-Tag gemacht hatte. Die Regeln waren denkbar einfach: Den ganzen Tag alles scheiße (bzw am Tag vorher gut) finden.

Und es war schön. Ich erinner mich, dass mir das sehr leicht fiel, weil auch irgendwie viel Doofes passierte; die Arbeit war nervig, mir gelangen Sachen nicht, Leute waren blöd. Alles lief wie am Schnürchen Scheiße. Und ich war murrig. Und gleichzeitig aber irgendwie auch total zufrieden.

Das lehrt mich und uns zwei Dinge:

1. Meine Stichprobe ist klein (ein Tag), aber ich bin mir relativ sicher, dass Self-Fulfilling Prophecy n großes Ding ist in unserem Alltag. Keine Chance, dass mir zufällig an dem Tag dauernd alles misslang, einfach, weil das Universum es schlecht mit mir meinte. Ich hab mit meiner Erwartung den Quatsch angezogen. Und halt auch Negatives reininterpretiert, in Dinge, über die ich sonst lachen würde

2. Akzeptanz ist ein geiles Tool. Ich hab den ganzen Tag gegrummelt und habe mich trotzdem überhaupt nicht scheiße gefühlt. Dadurch, dass ich das erwartet und damit die Tatsache angenommen habe, hab ich das sogar irgendwie genossen. ich hatte mal einen Tag, wo nix geil sein MUSS, nix MUSS gut laufen, es kann einfach mal alles doof sein. Das war toll. Und ich war am Abend nicht frustriert oder traurig, sondern ich war entspannt.

Und ich wusste dann: Heute war ein Scheißtag und dann kann’s ja morgen nur besser werden. Wurde’s bestimmt auch, ich erinner mich nicht mehr.

Ich kann echt jedem:r nur empfehlen sich morgens mal bewusst vorzunehmen, dass das ‘n Kacktag wird. Es war toll! (Und zum Thema Akzeptanz und Panikattacken muss ich ja nicht viel sagen — mein ganzer Blog handelt ja quasi vom akzeptieren.)

*Die passende musikalische Untermalung zur Überschrift findest du, wenn du hier klickst

Juli 3

Gutes Hobby, schlechtes Hobby

Wenn es um Panikattacken geht, steht ja auch immer ein bisschen Frage im Raum, ob man denn noch ein produktives Mitglied der Gesellschaft ist. Also ich glaube ja, am meisten fragt man sich das selbst und die Menschen um einen rum gar nicht sooo sehr. Schon alleine, weil Menschen doch gerne auch mal wen um sich haben, der:die Sachen ein bisschen mehr verkackt als man selber. Wir sind also sehr nützliche Mitglieder der Gesellschaft, weil wir machen, dass es anderen “Mittelmäßigen” besser geht.

Naja, aber sowas hört ja bei Dingen, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft voranbringen nicht auf. Man fühlt sich ja auch irgendwie gedrängt, auch HOBBIES zu haben. Und scheinbar ist ein Hobby ja nicht gleich ein Hobby.

Ich bin nicht aktuell, aber doch immer mal wieder in regelmäßigen Abständen bei Tinder unterwegs. Und wenn n Gespräch nur so auf 60% läuft am Anfang, dann wird auch mal nach Hobbies gefragt. Und dann merk ich, wie sehr ich an meine Grenzen stoße.

Nicht nur, dass ich ja diesem Reise-Lifestyle komplett außen vor bin, real wie mental, aber ich hab auch irgendwie gar keine sexy Hobbies (nicht sexy gemeint). Wenn ich also meine Hobbies aufzählen soll, müsste ich ehrlicherweise sagen: Puzzlen, Fernsehen, Computer spielen, Nickerchen machen, nähen, repeat. Und oft sag ich das ehrlicherweise auch stumpf. Weniger aus Prinzip und weil man ja ehrlich sein soll, statt sich irgendwie besonders gut darzustellen (wer versucht denn nicht beim Dating erst mal so zu tun, als ob er:sie nicht kacken muss, NIE!) sondern einfach, weil ich dann hoffe, dass das Gespräch von 60% auf 80% hoch geht, wenn man vom Standard abweicht. Tut es meist nicht.

Ich schweife ab.

Warum empfindet man manche Dinge, die man gerne zum Zeitvertreib tut, nicht als standesgemäße Hobbies? Und empfindet “man” überhaupt so, oder geht das nur mir so? Es gibt Menschen, die verdienen mit Gamen mittlerweile ihren recht guten Lebensunterhalt, warum soll ich mir das nicht als Hobby nennen, ohne dass man an den World Of Warcraft-Typ aus South Park denken muss? Nickerchen können, gut gemacht, besser zum Batterien Aufladen dienen als alles andere. Wenn ich Puzzle kann ich sogar Puzzlen und Fernsehen gleichzeitig — das soll doch mal eine:r sagen, das wäre nicht produktiv/effektiv!

Ich finde, wenn man eine Angststörung hat, wird man sehr oft mit fehlender Aktivität und damit irgendwie Produktivität konfrontiert. Und ich finde, das ist irgendwie gar nicht schlimm. Wenn man es genau nimmt, bin ich richtig glücklich drüber, dass ich einen Grund habe, den Menschen zumindest vorgeben zu akzeptieren, dafür, dass ich nicht ins Fitnessstudio gehe, oder einem Chor beitrete oder einer sonstigen Gruppierung. Ich hab meist am liebsten nur mich um mich herum.

Aber das ist ja nur wegen der Panik — und niemand würde je behaupten, dass ich eine durch und durch unsoziale Person bin *Zwinkersmiley

Juli 3

Mal was anderes

Ich mach das jetzt mal quick an dirty: Ich kann heute nicht wirklich einen Spin finden zu meinem Thema finden. Naja, also ich kann ja noch mal auf meinen anderen Beitrag verweisen (den ich im Übrigen einigermaßen gut gelungen finde, für meine Verhältnisse) über Aktivismus bei Panikattacken. So kann der nämlich aussehen:

Ich bin für gewöhnlich kein Fan von Petitionen. Da bin ich wohl zu pessimistisch. Bei den meisten Petitionen denke ich mir, dass das Thematiken sind, die den Entscheidern ja schon lange bewusst sind, auch, dass viele Menschen eine gewisse Meinung vertreten, aber die haben sich entschieden, das nicht soundso zu machen.

Bei diesem Thema aber finde ich, dass noch zu wenig Bewusstsein vorhanden ist und dann ist es was anderes. Ich finde, es fehlt immer noch total das Verstehen, dass unser Alltag weiß und rassistisch und für nicht-Weiße dauernd eine Erinnerung daran ist. Und ich kann nachvollziehen, dass man das nicht gerne über sich hören/wissen/denken will. Aber ich finde ja, dieses Wissen fühlt sich sogar irgendwie gut an. Dadurch, dass ich mich mehr hinterfrage, sorge ich potentiell dafür, dass andere Menschen sich wohler fühlen und das gibt mir wiederum ein gutes Gefühl. Also selbst wenn man das nicht macht, weil man davon überzeugt ist — kann man auch einfach ganz aus egoistischen Gründen machen.

Und damit kommen wir zu dieser Petition (<-kann man anklicken). Es wär ja eigentlich recht simpel und gleichzeitig aber n tolles Zeichen, wenn man so langsam einfach mal die Namen von nachgewiesenen Arschlöchern aus dem öffentlichen Leben entfernt. Mal was machen statt Lippenbekenntnisse.

Darum finde ich dieses Mal die Petition irgendwie wichtig. Ich hab’s ja schon gesagt, aber man sollte sich echt voll mal mit den eigenen Vorurteilen im Kopf beschäftigen. Man ist nicht kacke, weil man die hat, ich sagte es ja schon im anderen Text: Man kann dafür zum Teil gar nichts.

Man ist nur kacke, wenn man die behalten will bzw nicht hinterfragt. So wie ich auch nicht sage, dass Zug fahren verboten werden sollte, weil es gefährlich ist, obwohl es sich für mich anfühlt. Weil ich weiß, dass mein Inneres mich da trügt.

Juli 3

Geburtstags-Angst

-Edit: ich hatte die Veröffentlichung getimed, aber aus irgendeinem Grund wurde der nicht online gestellt. Ich hab ihn also nun letzte Woche geschrieben, aber er bezieht sich auf gestern-

Diesen Beitrag habe ich vorgeschrieben. Denn das Allerwichtigste an meinem Geburtstag ist: Keine Pflichten, keine Termine, keine Menschen.

Versteht mich nicht falsch, ich mag Menschen und ich glaube, im Schnitt mögen Menschen mich. Zugegeben, ich glaube, ich komme bei Fremden besser an und wenn man mich dann intensiver am Kopf hat, kann ich anstrengend sein; falls das schon subtil durchschien, ich ertapp mich manchmal dabei, dass ich zu viel über mich rede. Ich denk dann immer, meine Alltagsstories, die mich eben so sehr begeistern (daundda einen Hasen gesehen und manchmal sogar ein Eichhörnchen!!!), interessieren andere genauso. Meine Freund:innen sind aber lieb genug, zumindest meine Begeisterung oberflächlich zu teilen. dank euch dafür! Aber trotzdem bin ich ziemlich liebenswert, find ich und ich glaube, schon im Schnitt verhältnismäßig gemocht und bin eine recht oke Freundin. Ich bemüh mich.

Aber Menschen strengen mich auch an, unabhängig von ihrem Charakter, und ich weiß nicht mal, warum. Es wurde von Psychologenseite gemutmaßt, dass meine Panik damit zusammenhängt. Dass mich das Sozialsein, so gut ich es auch kann, auch viel Kraft kostet (etvl. GERADE, weil ich es gut kann). Ich empfinde Gäste meistens als Anstrengung, speziell Gäste, die zu einem Anlass da sind. Da können die nichts für und da können die auch nichts dran tun.

Und darum habe ich an meinem Geburtstag frei. Ich arbeite manchmal, je nachdem, wie ich Lust habe. Aber Arbeit ist für mich auch keine Pflicht. Außerdem ist es Samstag und da habe ich oft schon mein Arbeitspensum erfüllt. Ich lade keine Freunde ein (egal ob Corona oder nicht), versuche irgendwie die Eltern zu überzeugen, dass entweder Alltag ist oder dass sie doch gern mal eine Radtour machen sollen und vergammel dann den ganzen Tag.

Ich hab ja schon mal geschrieben, dass ich mir glaube ich ganz gut erarbeitet habe, dass mein Umfeld es nicht irgendwie persönlich nimmt, wenn ich Zeit für mich brauche. Aber am Geburtstag gilt das irgendwie ganz besonders. Am Geburtstag darf man sich was wünschen, der Geburtstag ist immer DEIN TAG. Und wenn ich mir wünsche, dass ich alleine sein darf, dann sagen alle “Wenn es das ist, was du dir gern wünscht, kein Problem (Geil, kein Geschenke-Stress!)”

Und nachdem ich nun lang erklärt habe, warum ich mir rausnehme, niemanden an meinem Geburtstag sehen zu wollen: Ich krieg Besuch. Aber das ist Herrenbesuch, der so regelmäßig ist, dass ich mich nicht mehr als Gastgeberin fühle. Ich wiederhole mich: Keine Verpflichtung, aus meinem Geburtstag “MEIN GEBURTSTAG!!!” zu machen. Rumhängen, Filme gucken, mehr rumhängen.

Außerdem werd ich vermutlich bekocht. Als ob es mein Geburtstag wär!

Juli 3

Panikattacken sind arm

Ich bin mit ziemlich guten Grundanlagen in das Geldverdienen-Leben gestartet. Ich komme zwar “nur” aus einer Arbeiterfamilie (was meine statistischen Bildungschancen sinken lässt — das war in den 80ern sicher auch so) aber meinen Eltern war es immer wichtig, dass ich da einen guten Start bekomme. Das hatte z.B. den Nachteil, dass ich kein aktives Plattdeutsch gelernt habe, weil den Eltern gesagt wurde, man müsse mit dem Kind hochdeutsch sprechen, weil es das sonst später nicht ordentlich lernt. Zweite Muttersprache adieu.

Aber ich hab schon in der Grundschule Glück gehabt, weil die Stadt es sich damals noch leisten wollte, eine Zwergenschule zu betreiben. Das heißt, es gab nur zwei Lehrer gab und auch nur zwei Klassenräume, in denen je zwei Klassen zusammen unterrichtet wurden. In meinem Jahrgang waren dann auch nur vier SchülerInnen. Machen wir uns nichts vor: Bei vier Leuten sind die Chancen, dass man da Beste ist, ziemlich groß. Und darum hab ich als Kind das Mindset mitbekommen, dass ich von ALLEN Kindern das Klügste bin (und am besten singen kann). Sowas als Kind zu glauben ist enorm wichtig für den späteren Lebens- und Bildungsweg.

Der Zahn wurde mir zwar in der weiterführenden Schule schnell gezogen, aber im Kern bleibt das Mindset. Dazu kommen dann ein bisschen genetisches Glück, dass mir Sprache ganz gut liegt und meine Soft Skills, ganz gut mit Leuten und auch mir selbst umgehen zu können. Und nicht zuletzt auch meine konservative Herangehensweise an das Leben, so dass ich früh wusste, “was ich mal werden will”. Nach Tierärztin (Noten zu schlecht) und Kriminalpsychologin (Noten zu schlecht) war das dann ganz klar Lehramt.

Meine Güte, schon drei Absätze und ich hab bisher nur gesagt, wie toll ich alles kann.

Long Story Short, im dritten Studienjahr kam die Angststörung. Und da konnte ich Dinge nicht mehr so toll. Ich hab zu Ende studiert (Bachelor in Regelstudienzeit, Master in 2,5facher Zeit) aber ein Referendariat bricht ja durchaus auch psychisch stabile Menschen. Daran war also nicht mehr zu denken. Generell wirkte ein normaler “irgendwo hingehen”- Job nicht machbar.

(Psychisch) kranke Menschen sind statistisch häufiger von Armut betroffen als Gesunde. Und gleichzeitig ist Armut ein großer Risikofaktor für psychische Gesundheit. Das ist eine ziemlich beschissene Spirale. Da gibt es Leute, die krank werden und ihren Job aufgeben müssen, weil sie ihn nicht mehr ausüben können. Und fast noch mehr Mitgefühl habe ich für die, die ihren Job WEITERMACHEN (müssen), in erster Linie aus simplen, ausrechenbaren finanziellen Gründen aber auch zum Teil aus nicht greifbarer Zukunftsangst. Weil die meisten unserer Lebensläufe immer noch eher geradlinig verlaufen, auch wenn die jetzige jüngere Generation sich drauf einstellt, viele Berufsstationen im Leben zu haben. Etwas aufzugeben, ohne, dass was Besseres in Aussicht steht, gilt oft als Niederlage. Und manchmal fehlt einfach die Fantasie — ich sage das ohne Abwertung. Wenn man das nicht gelernt hat, wie soll man sich vorstellen, dass man sich irgendwie durchwurschteln wird und out of the box denken kann?

Ich hab da echt Glück gehabt, dass meine Angststörung so früh los ging. Ich war noch nicht im Job drin und konnte schon meine Nebenjobs an der Panik ausrichten. Und bin dann einfach dabei geblieben. Bei den Nebenjobs meine ich. Das Schöne am Geldausgeben ist ja (zumindest oft), dass man immer das ausgibt, was man hat. Und ich hab “einfach” nicht meinen Lebensstil erhöht. So hab ich in meinem ganzen Erwachsenenleben noch nie wirklich “viel” Geld verdient, manche würden sagen/denken, nie meinen Fähigkeiten angemessen, aber ich hab’s auch nie gebraucht. Vielleicht musste ich mir mal Geld leihen (ich erinnere mich da an meine erste Steuernachzahlung) oder hab die letzte Woche des Monats von meinem Pfand gelebt, aber das ging für mich alles. Und dafür kann ich nicht nur arbeiten, WO ich will -meist zu Hause- sondern hab auch komplett freie Zeiteinteilung. Ich finde immer mal wieder einen neuen Online-Job, den ich machen will und kann* und lebe sparsam — wofür soll ich das Geld auch groß ausgeben außer Essen und Computerspiele?

Ich möchte wirklich dazu animieren, wenn man im Job leidet -eigentlich auch schon, wenn man als Gesunde:r im Job unglücklich ist, aber speziell wenn es ein psychisches Leiden ist- das zu ändern. Sich das zu trauen. Es gibt auch Hilfsangebote von Institutionen, sowohl was Beratung angeht, als auch Gelder. Ich kenne mich mit diesen Geldern leider gar nicht aus, man hört immer, dass der Prozess langwierig und frustrierend ist, aber das ist ja manchmal die Arbeit durchaus auch. Es geht. Sicher nicht für jede:n, aber für viele, denen es aktuell unmachbar vorkommt. Manchmal braucht es dann ein bisschen Restrukturierung der finanziellen Organisation.

Über finanzielle Bildung mach ich noch einen Eintrag.

*Bitte keine Anfragen, was man denn als Ungelernte:r so an Homeoffice-Jobs mit freier Zeiteinteilung machen kann. Es gibt zig Blogs und Portale, die sich mit sowas auseinandersetzen und darüber wesentlich besser informieren können — außerdem heißt ja “ungelernt” nicht “ohne Talent dafür”, also muss man ja dennoch was finden, was den eigenen Fähigkeiten entspricht und nicht, was die Bloggerin aus dem Internet auch macht

Juli 3

Corona – Forever at home

(Soft) Lockdown.

Ich bin seit einiger Zeit wahnsinnig viel zu Hause. Ich treffe natürlich auch mal Freunde, aber das passiert wirklich nicht häufig. Hobbies in Gruppen wie z.B. Chor, Yoga oder ein Sprachkurs habeich schon lange nicht mehr betrieben. Ich bleibe lieber zu Hause. Naja, ich gehe natürlich raus, aber dann eher irgendwo, wo keine Leute sind, aufs Feld mit meinem Hund zum Beispiel. Klar, treffe ich auch mal zufällig eine:n Nachbar:in und quatsche ein bisschen. Aber ich möchte mich da nicht lange aufhalten und gehe dann auch zügig weiter (oder gehe direkt irgendwo hin, wo ich weiß, dass da niemand ist).

Einkaufen muss ich natürlich, aber ich teile es mir ein. Ich gehe meist nur einmal die Woche in den Supermarkt. Extras oder kurzfristige Bedürfnisse müssen ja nicht unbedingt befriedigt werden; wenn ich es wirklich will, kann das auch bis zum nächsten Einkauf warten, aber ich muss nicht wegen zwei Teilen in den Supermarkt. Wenn ich im Supermarkt bin, verbringe ich meine Zeit nicht mit bummeln oder Sortiment begutachten. Ich weiß, was ich mag und was ich für gewöhnlich brauche und will mich da nicht länger aufhalten als nötig. Wenn die Schlange an der Kasse lang ist, speziell, wenn vor UND hinter mir Leute stehen, wird mir schon manchmal ein bisschen mulmig.

Shopping für Luxus beschränke ich auch nur auf das Nötigste. Wenn ich mal in die Innenstadt muss, dann kann es aber durchaus passieren, dass ich mehr Läden ansteuer als ich geplant habe. Wenn ich erst mal da bin, vergesse ich manchmal den aktuellen Zustand und dann fühlt es sich ok an, ein bisschen zu schlendern. Aber ich würde nicht losfahren, nur um ein bisschen zu gucken, was es so gibt. Das ist ein unnötiges Risiko. Und natürlich setze ich mich auch nicht in ein Café, um eine Pause zu machen. Da werde ich unruhig und beobachte meine Umgebung zu genau. Für Essengehen gilt das gleiche, vielleicht noch mehr, weil das meist eher drinnen stattfindet.

Menschenansammlungen — forget it. Die werden aus offensichtlichen Gründen natürlich fast komplett gemieden. Überhaupt vermeide ich zu nahen Kontakt mit Menschen. Ein Lächeln sieht man eh besser mit ein bisschen Abstand als direkt Gesicht an Gesicht.

Im Wartezimmer bei Ärzt:innen hoffe ich, dass die Terminplanung effektiv war, damit ich nicht zu lange Zeit in diesem kleinen, oft schlecht belüfteten Raum verbringen muss. Und ich möchte nicht so gern an Orte/in Gebäude gehen, die ich nicht kenne und wo ich nicht weiß, wie die baulichen Gegebenheiten sein werden.

Glücklicherweise kann ich von zuhause ausarbeiten. Ich muss nicht in den Berufsverkehr und in ein Büro/Schulklasse/Laden, in dem ich Kontakt mit jeder Menge Menschen habe. Zuhause habe ich meinen Schutzraum, da bin ich sicher und kann mich auf meine Arbeit konzentrieren.

Viele von uns leben gerade so. Durch Corona ist ganz viel an Sozialleben zum Stillstand gekommen (Duh-Doy!). Nur: Mein Leben ist schon ewig so und nicht erst seit Corona. Und ich genieße dieses Leben total.

Aber der Lifestyle war dennoch nie so 100% selbst ausgesucht, auch wenn ich mich gut eingelebt habe. Und Anderssein, das man sich nicht selber aussucht, ist immer ein bisschen ausgrenzender als bewusstes Anderssein. Wer meinen Kleidungsstil kennt, weiß, was ich meine. Was ich es mir selber aussuche, dann trage ich das mit Stolz. Mit (Selbst-)Bewusstsein. Wenn ich da rein geraten bin, egal wie glücklich ich bin, ist Anderssein immer ein bisschen unkomfortabel, vielleicht auch ausgrenzend.

Und auf einmal leben alle so wie ich. Auf einmal sind alle so “normal” wie ich. Und auf einmal bemerke ich, wie es so ist, wenn man ein normales Leben führt, das sich mit dem von vielen anderen vergleichen lässt. Und, dass gar nicht alle in diesem normalen Leben so happy sind wie ich. Dann merke ich noch mal extra, was für ein Glück ich habe. Und manche andere Leute merken auch, was für ein Glück sie haben könnten. Es gibt Menschen, die sich gerade wohler fühlen als in ihrem “alten” Leben. Und zwar nicht nur die, die psychische Krankheiten haben, die sich speziell auf’s Sozialleben auswirken. Es gibt nämlich viele, die das gerade so fühlen wie ich. Aber auch die, die nicht krank sind, die vorher einen ganz normalen 9 to 5 Alltag hatten oder was auch immer man normal nennt. Und die dieser Zeit irgendwie etwas Gutes abgewinnen können. Manchmal kombiniert mit dem Scheiß-Gefühl, dass sie bald wieder zurück müssen in ihr “Vorher”.

Ich komm jetzt keinem mit “Krise als Chance”-Bullshit. Ich glaub ziemlich fest, dass nach Corona quasi alles wieder sein wird wie vorher. Ein lebenslanger Alltag lässt sich nicht durch ein paar Monate ändern, jedenfalls nicht für die Allermeisten.

Ich freu mich nur, dass endlich mal kurz alle so normal wie ich waren.

Juli 3

Wenn der Puls eh schon hoch geht…

Ich hab die Tage in einer Facebook-Gruppe von einer Person gelesen, die Angst vor Sport hat.

Erster Impuls ist ein Gag. Haha, ja, Angst vor Sport hab ich auch. Darum mach ich keinen. Höhö.

Zweiter Impuls ist: Hä, wie, Angst vor Sport? Vor Verletzungen oder was? Einfach vor Bewegung? Man bewegt sich doch dauernd!

Ich hab da drüber nachgedacht nachdem ich das gelesen habe, weil ich so ein bisschen Impuls zwei hatte. Aber nur ein bisschen, weil dann ist mir eingefallen: Grob hab ich das auch. Ich mag auch beim Joggen oder auch einfach beim Spazieren gehen lieber mehrere kleine Runden als eine große Runde, aus Angst, dass ich zwischendurch irgendwas kriege und dann zu weit von zu Hause weg bin.

Für mich ist das kein Problem. Ich kann eh keine 10 km joggen und wenn ich mit dem Hund gehe, schlagen wir uns eh am liebsten hier in die Felder, wo wir uns auskennen. Aber ich stell mir das schon kacke vor, wenn man sich nicht Bewegen kann aus Angst, den Körper zu überfordern. Das ist ja n bescheuerter Kreislauf, denn je weniger man den Körper beschäftigt, desto weniger Beschäftigung kann er aushalten.

Außerdem, einer von vielen, vielen VIELEN Tipps bei einer Attacke ist, richtig schnell auf der Stelle zu laufen. Es wird gesagt, dass dann die Botenstoffe schneller verbraucht werden, die auch die Panik braucht. Und dann hat man schnell keine Puste für beides mehr.

Kurz und bündig, nachdem der letzte Eintrag schon so lang und deep war:

Wer Bock hat auf Sport, soll den machen und wer keinen Bock hat — gibt auch genug sportliche Menschen, die aber sonst Scheiße mit ihrem Körper machen. Ich weiß, Sport kann dem Körper und dem Geist helfen. Aber mich nervt immer ein bisschen dieses Glorifizieren von Sport. Nicht nur im Mental health Kontext, aber halt auch besonders da. Manche Leute haben einfach keine besondere Freude an extra Bewegung (oder auch nicht an extra-Wenigbewegung, weil ich Yoga oder Meditation auch mal im weitesten Sinne unter Sport zusammenfasse). Das ist voll ok.

Wenn ich laufen war, würde mein Kalorienverbrauch mit einer Ritter Sport Mini pulverisiert. Und ich hatte ‘n Runners High vielleicht mal, wenn ich im dunklen laufen war und gute Musik hatte. Ich halte das aber eher für ein Musics- and Surroundings High. Ich hab nie wirklich Spaß am Joggen. Ich mach das, weil sich das für den Stoffwechsel irgendwie sinnvoll anfühlt (bewusst “anfühlt”) und auch nicht so regelmäßig, wie ich es in der Theorie gern hätte. Aber ich würde nie sagen: “Das hilft mir bei meiner Krankheit”. Ich kann da, wie immer, nur persönlich von mir reden, aber ich bin immer grummelig, wenn ich Sport mache. Nur hinterher dann froh, dass es vorbei ist. Wie halt so oft Faulheit mein Antrieb ist, alles möglich zeitnah zu erledigen.

Dann muss ich danach nix mehr machen. Und das ist das Beste!

Juli 3

Aktivismus von Zuhause aus

Ich hab viele Meinungen und Ansichten. Und die sind mir wichtig.

Das hat sich über die Jahre so entwickelt. Ich war schon immer politisch links, aber in so einer Kleinstadt mit geringem Anteil an Marginalisierten aller Art aufzuwachsen, mit guten finanziellen Chancen und Zugang zu guter (privater) Bildung, da war das wohl mehr eine Wohlfühlhaltung (naja und Menschenfreundlichkeit macht halt auch einfach Sinn), als dass ich jetzt wirklich viel von Betroffenen wusste.

Ich denke, in den letzten Jahren hab ich ziemlich viel gelernt durch soziale Netzwerke, konnte direkt von Betroffenen lesen, egal ob es um Alltagsdiskriminierung geht oder institutionelle Probleme. So halte ich mich heutzutage für einigermaßen straight und gefestigt in meinem Wertesystem, natürlich dabei immer bereit, zuzuhören und zu checken, wo es echt noch Optimierungsbedarf gibt bei mir.

Jetzt im Zusammenhang mit den weltweiten Demos gegen Rassismus und Polizeigewalt stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der aktivistischen Teilhabe. Die fühlt sich für mich, wie bei vielen Personen mit Anxiety, sehr beschränkt an, speziell, wenn man sieht, was andere so auf die Beine stellen.

Ich kann nicht einfach rausgehen und an einer Demo teilnehmen (oder zum Retten aufs Mittelmeer raus fahren — Shoutout an meinen coolen Bruder). Zum einen gäbe es keine in meiner Nähe, also müsste ich hinreisen, fällt also schon mal weg. Und auch wenn es hier eine gäbe, da wär ich sehr abhängig von meinem Feeling an dem Tag. Ich war schon auf Kundgebungen in meiner Kleinstadt; aber ich war eben auch schon auf genug Kundgebungen NICHT, obwohl mir das Thema wichtig war. Ich finde Leute total toll, die gerade in dieser Stadt, wo dann nicht mehr als 100 Menschen kommen werden, so etwas auf die Beine stellen und Probleme und Themen sichtbar machen, die vielleicht gerade wegen unserer Dörflichkeit zum Teil nur eine Randnotiz in der Tageszeitung sind (don’t get me started on Internet). Manchmal würde ich das auch gern können, aber da muss man auch ehrlich genug sein, dass da vielleicht nicht die Angststörung die Hauptbremse ist, sondern vermutlich Feigheit und auch Gemütlichkeit.

Aber Aktivismus bietet viel mehr Möglichkeiten, als auf der Straße zu demonstrieren. Auch Menschen mit Angststörung können was machen. Und das fühlt sich vermutlich oft klein und unbedeutend an, aber so Einzelhandlungen summieren sich — bei der Einzelperson selber und bei vielen Einzelpersonen kombiniert.

Was man selber machen kann, das hängt vom Charakter und Alltag ab. Aber ich hab da ein paar Ideen:

Ich z.B. verbringe viel Zeit vor dem Computer und in sozialen Netzwerken. Und ich kann gut formulieren. Ich kann einen Blogeintrag über das Thema schreiben, der eine Zielgruppe anspricht, die in dem Kontext nicht so oft spezifisch angesprochen wird. Ich kann z.B. Menschen Reichweite geben, deren Stimme im Prinzip nur aufgrund ihrer Hautfarbe nicht so oft gehört wird. Institutionen oder Vereinigungen dito.

Hier sind Insta-Aktivist:innen (danke an die @Konfettikrake, die bei Insta mehr Überblick hat als ich):

@shaneebenjamin
@aminatabelli
@rachel.cargle
@alice_haruko
@tupoka.o
@aminajmina
@tesfu_tarik
@saymyname_bpb

Ich hab auch das Glück, dass ich finanziell gut dastehe, das ist natürlich ein Privileg für einen psychisch kranken Menschen. Man kann also auch finanziell unterstützen, wenn man es sich leisten kann (aber niemand sollte sich schlecht fühlen, wenn er:sie es sich nicht leisten kann).

(Links unter anderem gesehen bei Afroking , der auch einen eigenen Podcast hat und bei MayaMitKind, die -bei noch vielen anderen Themen- über die Rechte und den Alltag von trans Menschen informiert und bloggt)

Vielleicht können andere sich besser durch Musik oder Darstellende Kunst ausdrücken, da fehlt mir das Talent, aber wer das gut hinkriegt, kann damit andere Menschen erreichen. Ich weiß von vielen Menschen mit psychischen Krankheiten, die sich irgendwie musisch betätigen, aber oft eher für sich. Das ist so schade! Ich schreib hier (nicht, dass das irgendwie Kunst wäre…) und es lesen schon nach einer Woche ein paar Menschen. Die Überwindung find ich schwierig und ich fühl mich noch dauernd albern überambitioniert — aber das ist wie 500m ganz langsam joggen. Da ist man mehr gejoggt als viele andere Leute an dem Tag.

Auch super wichtig ist, im eigenen Umfeld was zu sagen, wenn was auffällt. Das braucht manchmal viel Energie und ich kann nachvollziehen, wenn man das nicht möchte, weil man die Energie schon benötigt, um durch einen normalen Alltag zu kommen, ohne zusätzliche Konflikte. Aber andererseits möchte man ja auch nicht, dass Freunde oder Verwandte andere Personen verletzen, speziell, wenn es nicht mal beabsichtigt ist. Ob man da konfrontativ ist oder eher durch die Hintertür, das hängt wohl vor allem vom eigenen Charakter und Adressat:in ab. Ich neige dazu, durch die Hintertür effektiver zu finden, aber manchmal bin ich trotzdem impulsiv. Ich glaub übrigens ganz fest, dass man trainieren kann, sowas auszuhalten, selbst wenn man wenig Energie hat. Man kann damit anfangen, nur kurz was einzuwerfen, aber sich nicht auf eine Diskussion einzulassen (und dann merken, wie richtig es sich anfühlt, den Mund aufgemacht zu haben, selbst wenn es sich danach erst mal unangenehm anfühlt).

Und das ALLERWICHTIGSTE zum Schluss: Zuhören. Lesen. Weiterbilden. Man wird sich da (speziell als weiße Heteroperson) manchmal echt ertappt fühlen und mehr als einmal Reflexe haben wie “Naja, ich mach das ja nicht”, “Das find ich jetzt ein bisschen too much, da gibt’s ja wohl Schlimmere/s”, “Das hab ich zwar so mal gemacht/gesagt, aber das war ja nicht diskriminierend oder so gemeint” und der Tone Policing-Klassiker “Ich hör dir erst zu, wenn du normal mit mir redest und nicht so wütend”. Jede:r von uns weißen “Deutschgeborenen” ist mit Rassismen groß geworden und die brennen sich ins Unterbewusstsein ein. Dafür können wir nicht mal richtig was. Wir haben unser ganzes Kinderleben lang einer weiß-geprägten Umgebung zugehört und geglaubt, was die sagen und vorleben. Und das ist schwer wieder rauszukriegen.* Wichtig ist eben, jetzt einer nichtweiß-geprägten Umgebung zuzuhören und das genauso zu glauben und dann versuchen, das nachzuleben. Das unterscheidet “uns” -hoffentlich- von aktiven Rassisten. Die Erkenntnis, was man da macht/denkt und worauf das basiert und dass man das ändern sollte und kann. Ich werd sicher auch noch mal an anderer Stelle was zu den Begriffen “xy-phobie” im Vergleich zu realer psychischer Erkrankung schreiben.

Das Hinterfragen->Erkennen->Andersmachen ist gar nicht so anders wie bei einer Angststörung, wenn man sie ordentlich angeht (und nicht vermeidet, so wie ich): Man muss erst mal merken, was das Unterbewusstsein da mit uns macht. Dass die Panik gerade gar nicht legit ist, es dem Körper eigentlich gerade gut geht. Und dann sollte man daran arbeiten, diese Denkmuster zu durchbrechen. Aushalten, dass es sich gerade scheiße anfühlt, aber dranbleiben. (Das alles gilt natürlich für alle -ismen, nur ist der aktuelle Anlass eben Rassismus)

So. Das klingt jetzt total pathetisch und stellt euch beim Lesen jetzt eine coole Musik im Hintergrund vor (oder macht sie an): Denkt also bitte nicht, ihr könnt nichts beitragen. Jede:r kann immer was machen. Wenn man bei sich selber was macht, ist das schon das Anstrengendste, was man tun kann. Viel anstrengender, als zu ner Demo zu gehen — selbst mit Angststörung.

#BlackLivesMatter

Und wer gerne liest:

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten (gibt’s auch als Hörbuch unter anderem bei Spotify)

Tupoka Ogette: exit RACISM (ebenfalls bei Spotify)

Ferda Ataman: Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus

Kübra Gümüşay: Sprache und Sein

Außerdem hat die Bundeszentrale für politische Bildung viele gute Bücher für ganz wenig Geld

*Schmerzhafte Selbsterkenntnis-Beispiele gefällig?

1. Ich hab mich dabei ertappt, dass ich einer Frau, die bei Kleiderkreisel für einen ungewöhnlich großen Betrag bei mir gekauft hat, innerlich schneller unterstellt habe, es könnte sich um Betrug handeln, weil sie in gebrochenem Deutsch schrieb.

2. Ich fühl mich immer ein bisschen unwohler, wenn mir eine Gruppe Männer mit optischem Migrationshintergrund entgegen kommt als wenn es eine Gruppe ohne diesen ist.

Beides beruht NULL auf irgendwelchen Erfahrungen. Nur auf unterbewusst Gelerntem — letzteres auch durch die Medien in den letzten Jahren und das, obwohl ich da ja standpunktmäßig schon viel weiter war. Die Scheiße frisst sich unterbewusst rein während man gleichzeitig aktiv denkt, was die Headline da für ein unangemessenes Framing betreibt.

-Wenn jemand vom Chef spricht, nehme ich automatisch keinen Migrationshintergrund an. Das basiert vermutlich auf Erfahrungen, aber ist auch automatisches Unsichtbarmachen. Eigentlich nehme ich bei jedem:r automatisch eine weiße Person an, wenn es nicht explizit anderes gesagt wird, weil das für mich die “Normalität” ist.

-Und ich nehme im Reflex immer noch bei fremden Personen mit Nicht-Urdeutschem Namen an, dass sie in einem anderen Land geboren sind.

Ich korrigier zwar für mich diese Reflexe fix, aber für sowas schäm ich mich so sehr, dass das als Sternchen unten drunter kommt und nicht in den Fließtext.

Juli 3

Das offene Buch

Ich hab echt Glück gehabt mit meiner Handhabung der Krankheit gegenüber anderen Personen. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, bin ich von Anfang an sehr offen gewesen, was meine “Einschränkung” angeht. Beim ersten Mal Angst vor der Angst hab ich schon eine wildfremde Person im Zug zugequatscht, dass ich die Fahrt heute schon mal versucht hatte und das da abbrechen musste und ich mich jetzt irgendwie ängstlich fühle. Das diente mir damals der Ablenkung, aber heutzutage ist das halb Reflex und halb System.

Weil ich jetzt schon fast eine Woche durchhalte, werd ich das hier wohl auf meinen sozialen Kanälen posten, was bedeutet, dass ich es auch Freunden/Bekannten zugänglich mache.* Die Entscheidung fühlt sich stressig an. Ich habe persönlich das Gefühl, dass Ambition Angriffsfläche bietet. Was ich hier mache dient keinem Ziel, bringt nichts, ist weder effektiv noch produktiv. Das weiß ich, aber für mich ist das nicht so wichtig. Aber sobald ich das anderen präsentiere, krieg ich das Gefühl, es wäre wichtig. Ich habe das Gefühl, ich werde daran gemessen, was ich Sinnvolles mache. Es hilft auch nicht gerade, dass Menschen, die mich kennen, wissen, wie oft ich Feuer und Flamme für eine Idee bin und das nach 3 Wochen schon wieder versandet ist. Scanner-Persönlichkeit vielleicht. Mittlerweile rechne ich schon mit ein, dass meine Begeisterung nicht lange anhält. Naja, das macht es verständlicherweise Bekannten noch schwerer, da eine Ernsthaftigkeit zu sehen. Kein Problem, ich weiß es ja selber nicht.

Nachdem ich das alles gesagt habe: Ich fühl mich überhaupt nicht unsicher, was den Inhalt angeht. Alle meine Freunde wissen von den Besonderheiten. Und die meisten, die mich gröber kennen, haben davon auch schon gehört — wenn man auf dem Land wohnt eh doppelt.

Ich weiß, dass viele, vielleicht die Mehrheit von Menschen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind oder waren, nicht darüber sprechen. Zum einen ist das natürlich eine sehr persönliche Angelegenheit, wie körperliche Krankheiten ja auch. Bei Krankheiten generell, eigentlich universal bei Problemen, ist es nicht so angesehen, darüber zu sprechen. Kein Wunder, man läuft da schnell Gefahr, vom Beschreiben ins Jammern zu verfallen. Und das zieht dann den Gesprächspartner mit runter, da hab ich auch lieber jemanden, der:die eine lustige Story erzählt.

Man hat ganz simpel auch Nachteile, zum Beispiel im finanziell (Beruf, Versicherungen). Das kann in kleinen Städten oder Branchen dann schon ausschlaggebend sein. Nachvollziehbar, dass man das für sich behält. Sozial gesehen gibt es viele Leute, die dann mehr ÜBER als MIT Betroffenen reden. Aber gerade Letzteres finde ich total überschätzt. Ich meine, ich weiß ja nicht, ob und wie viel Leute über mich reden. Und ich bin mir sicher, dass solche, die mich nur grob kennen auch sicher mehr Falsches als Richtiges über meinen Zustand reden — alleine, dass ich hier schreibe, dass überhaupt jemand drüber redet, kommt mir wahnsinnig arrogant vor. Aber ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand im direkten Gespräch mit mir richtig scheiße reagiert hätte. Die mehrheitlichen Reaktionen teilen sich in zwei Richtungen:

1. Leute, die das total interessant finden und auch interessierte, gute Nachfragen stellen.

2. Leute, die das schon von sich selber/Verwandten/Bekannten kennen, zwar nicht genauso, aber das Konzept ist dann nicht neu.

Manchmal droht so ein Gespräch ins Negative zu rutschen, ins Mitgefühlige. Das mag ich nicht, weil ich ja gar nicht unglücklich bin. Ich lebe nur einfach anders, aber das tun ja viele und das bedeutet nicht, dass ein Lebensentwurf automatisch glücklicher macht als der andere.

Wenn ich z.B. jemand Neues irgendwo kennen lerne (oder mit jemandem spreche, der:die mich nur oberflächlich kennt) und das Thema kommt z.B. auf Urlaubsziele, dann sag ich offen, dass ich nicht reise, anstatt zu versuchen, das zu umschiffen. Wenn dann der Grund dafür Gegenstand des Gesprächs wird, ok, aber ich forciere jetzt nicht, dass ich dann nur drüber reden will, was ich alles nicht kann. Wie es sich halt entwickelt. Beim Online-Dating mach ich es etwas anders, aber dazu mach ich demnächst mal einen eigenen Beitrag.

Ich hab das nicht bewusst so entschieden. Ich glaube, mein Charakter ist einfach so, dass ich relativ offen mit Menschen quatschen kann. Vermutlich, weil ich so herrlich vertrauensselig bin und immer erst mal denke, Menschen wollen mir nur das Beste. Übrigens damit sehr selten auf die Fresse gefallen, sehr empfehlenswert. Also die Anlagen dafür sind da. Und dann habe ich halt so positive Erfahrungen gemacht, wie beschrieben. Die sind so super. Ob die dann wann anders drüber Lachen oder drüber reden, wie sehr ich mich anstelle? Ich glaube nicht und wenn, dann weiß ich es ja nicht sondern denk weiterhin, das sind freundliche, offene Menschen. Und ich mag es, so über die Leute zu denken.

Und noch ein anderer Effekt: Es nimmt mir wahnsinnig den Druck. Beispiel Dorfschützenfest. Wenn ich den Leuten einfach sagen kann “Du, könnte ich vielleicht am Rand sitzen, da fühl ich mich besser, falls ich mal schnell raus muss” ist das natürlich auch einfach viel entspanner. Ich muss mich nicht zusammenreißen, weil ich mir nichts anmerken lassen darf, sondern ich kann mir mein Sicherheitsnetz so aufspannen, wie ich es brauche.

Falls also wirklich jemand liest, der:die mich kennt und bis hierhin gekommen ist und wir schon mal in irgendeiner Weise panikmäßig interagiert haben:

Danke für deine gute Reaktion.

*Falls wir uns kennen: Ja, ich mach das jetzt. Don’t judge me.

Juli 3

Vermeidung

Das klingt ja erst mal ein bisschen nach einem Krimi von Jussi Adler-Olsen. Im echten Leben ist Vermeidung aber sehr viel unspektakulärer:

Man geht einfach nicht hin.

Vermeidung ist das Schlechteste, was man machen kann, wenn man Panikattacken hat (und sie loswerden will). Das ist wie das uralte Beispiel mit dem vom-Pferd-fallen und wieder-aufsteigen. Die Tatsache, dass es alt ist, sagt aber nichts über die Korrektness aus. Es stimmt nämlich.

Wie immer kann man nicht generalisieren. Es gibt sicher Leute, bei deinen wird Konfrontation alles irgendwie schlimmer machen. Aber das sind sehr, sehr wenige. Ich weiß, dass viele sich so fühlen, als würden sie zu dieser Minderheit gehören, aber das ist meist nicht so.

Ich war nie gut in Konfrontation. Ich kriege diese Überwindung nicht hin, wenn ich keinen Grund habe. Also ich meine einen kurzfristigen Grund. “Gesund” werden wäre ein guter Grund, aber der ist so weit weg wie eine mögliche schlimme Erkrankung weit weg und unwahrscheinlich scheint, wenn man raucht.

Ein kurzfristiger Grund ist, wenn ich etwas wirklich will und mich deshalb dann dazu überwinden muss. Aber dann ist es auch nicht wirklich Training, weil es ja meist eher was einmaliges ist. Ich hab mal einige Zeit einen Yoga-Kurs und auch mal einen Arabisch-Kurs bei der VHS gemacht. Das war am Anfang leichter, weil es da noch so etwas Besonderes war, etwas, wofür es sich lohnt, sich anzustrengen. Aber je unbesonderer es wurde, desto geringer wurde dann auch meine Motivation, das Lampenfieber* jedes mal auszuhalten. Und ja, es war leichter als am Anfang, aber es war meist immernoch nicht so leicht wie für andere.

Ich hab auch mal einen Aufgaben-Adventskalender gemacht. Da habe ich mir aufgaben aufgeschrieben, aber größtenteils sehr kleine, wie z.B. in eine Shopping Mall gehen, die ich der Ungewohnheit wegen eher vermeide oder etwas größeres z.B. war ins Kino gehen. Und die wirkliche Herausforderung, unabhängig von dem, was an dem Tag auf dem Zettel stand, war, dass ich das dann an dem Tag machen musste. Dass ich mir morgens eine Verpflichtung gegeben habe, die ich teilweise den ganzen Tag mit mir rumschleppen musste, weil eben um 10 Uhr morgens kein Film im Kleinstadtkino läuft. Und ja, ich hab mich jedes Mal danach gut gefühlt und dann am 24. noch mal doppelt so gut, weil ich das alles gemacht habe.

Und trotzdem bin ich persönlich ein Fan von Vermeiden.

Ich hab mich so eingelebt in mein Leben mit der Panik und habe mir so drumherum Nischen gesucht und gefunden, dass ich mich nicht mehr herausfordern muss. Ich habe durch meine Vermeidung so selten Lampenfieber und noch seltener Panikattacken (wobei die meist, wenn, dann aus dem Nichts und anlasslos kommen, gerne auch mal Nachts) und so ein angenehmes Leben, dass ich die wenigen Male, wenn ich entweder was machen MUSS aus einem externen Grund, oder wenn ich etwas wirklich wirklich will aus mir selbst heraus, ich das Lampenfieber auch aushalten kann und ok wird’s dann ja eh.

Ich muss halt nicht mehr daran arbeiten, dass es mir “besser” geht, weil es mir schon so wahnsinnig gut geht. Rückblickend wäre das meiste, was ich jetzt habe anders oder weniger, wenn ich nie Panik gehabt hätte. Ich hätte eindeutig weniger Zeit und weniger Ruhe für mich. Spekulativ, aber so wie mein Charakter jetzt ist, würde das vermutlich auch heißen, dass ich weniger emotionales Gleichgewicht hätte, weil ich so wahnsinnig viel Ruhe brauche. Finanziell weiß ich es nicht. Ich würde natürlich viel mehr Geld verdienen als Lehrerin, aber ich würde ja auch viel mehr machen, reisen, essen gehen, socializen… Vielleicht hätte ich mit so einem kerzengeraden Lebenslauf auch einen sehr “üblichen” privaten Weg eingeschlagen und Mann und Kinder — finanziell wieder ein Loch ohne Boden (und da denk ich dann noch nicht mal an Rente) — und wäre vielleicht unzufrieden ohne zu wissen, was mir fehlt, weil ich die Alternative (=kein Ehemann und Kinder) nie erwägt hätte. Keine Ahnung, etwas weit her geholt, diese Butterfly Effect-Gedanken.

Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich trotz dieses “Makels” viel mehr angekommen bin als so manche andere Leute, die alles machen können. Vielleicht weil: wer alles machen kann, der will auch alles/mehr machen. Ich bin heut mit dem Auto gefahren (entspannt.), während es geregnet hat (hübsch!) und habe dabei Charles Aznavour (wunderschön!!) gehört und besser konnte mein Tag in dem Moment nicht sein. Warum soll ich dann noch irgendwo hin können wollen, wenn es HIER doch perfekt ist. Wie auf dem Foto.

*siehe Blogeintrag “Lampenfieber wegen Bankberaterin”

Juli 3

That’s me

Nun hab ich also angefangen. Und wenn das irgendjemand je lesen wollen wird, dann will er:sie ja vielleicht auch wissen, wer hier eigentlich schreibt. Für Kontext und so.

Ich bin noch nicht sicher, ob ich meinen Namen veröffentlichen will, vielleicht nenn ich mich erst mal Ivy. Weil ich Batman mag und die Natur und auch comic-haft rote Haare habe. (Update: Neue Blogadresse, neue Herangehensweise: Ich bin Tiffi und irgendwie ist mit den Links zu den Social Networks ja ALLES veröffentlicht. Well done.)

Ich wohne auf dem Land, also so richtiges Land, 1000 Einwohner hat das Dorf, zu dem meine Postleitzahl und meine Vorwahl gehören — ich selber wohne noch mal ordentlich außerhalb, mit einem Nachbarn in Entfernung unter 400 m. Das ist wunderschön. Da gibt’s nämlich so gut wie keine Verpflichtungen.

Überhaupt ist mein ganzes Leben wahnsinnig verpflichtungsfrei. Und ich habe keine Ahnung, ob das meinem Charakter entspricht, oder ob ich mich da reingelebt habe, weil die Panik mich reingedrängt hat. Aber irgendwie ist das ja egal, denn: Ich bin total glücklich.

Ich hab Lehramt studiert, ist jetzt schon ein paar Jahre her, hab auch ‘n Master. Aber schon im letzten Semester des Bachelors haben die Attacken angefangen und ich hab zwar abgeschlossen, aber es war mir eigentlich schon klar, dass ich so kein Referendariat schaffe. Aber ich hatte schon während des Studiums meinen ersten und später auch zweiten Online-Job.

Was soll ich sagen: Wenn man ja eh nie reist und vieles aus dem Sozialleben einem eher schwer fällt, dann spart man enorm viel Geld. So dass man auch von Jobs leben kann, die nicht so gut bezahlt sind. Die bezahlen mich aber in etwas, was ich mehr und mehr jetzt zu schätzen weiß: In freier Zeiteinteilung. Und wenn ich eins in letzter Zeit von meinen Finanzbuchautoren gelernt habe, dann Folgendes: Das einzige, was wirklich endlich ist, ist Zeit. Geld kann ich immer irgendwo her kriegen, das wird schon, aber Lebenszeit ist weg wenn sie weg ist. Und davon habe ich maximal viel, glaube ich; so viel, wie man haben kann, wenn man immer noch auf Geld verdienen angewiesen ist.

Katze präsentiert Aufkleber von der Partei “DIE PARTEI Niedersachsen”

Ich wohne im Mehrgenerationenhaus; der Deal ist ganz altmodisch, dass ich dafür sorgen werde, dass meine Eltern hier im Alter versorgt statt abgeschoben sind und dafür wohne ich im gleichen Haus für einen ganz albernen Betrag. Ich sehne mich weder nach einem festen Partner noch nach Kindern.* Ich mag beide Personengruppen (also Männer und Kinder) sehr und hab sie gern um mich herum, aber ich bin dann auch froh, wenn ich abends oder nach ein paar Tagen endlich wieder alleine bin. Alleine mit Katzen, man hat ja auf dem Land einen Ruf zu verlieren: Rote Haare, ehemanlos, lebt mit Katzen zusammen. Check.

Ich hab und werd auch nie behaupten, dass ich mir meinen Lebensstil hart erarbeitet habe und dass das mit dem richtigen Mindset jede:r erreichen könnte. Ich schweife sehr ab. Ich hab einfach ‘n fucking Glück gehabt mit den Grundvoraussetzungen. Aber dann auch mit der Tatsache, dass mein Charakter minimal ambitioniert ist. Ich wollte nie weit kommen, groß werden, das beste aus meinen Fähigkeiten machen. Und das hilft dann enorm, sich anzupassen an diese Panikgeschichte.

Hund liegt auf einer Wiese

Wenn ich meine meist nicht so vielen Arbeitsstunden durch habe, bin ich zufrieden damit, meine Zeit zu verdaddeln, vernetflixen, vernähen oder ver-in-die-Natur-zu-gehen (dafür kann ich dann auch einen Begleiter aushalten). Oder einfach mal ein Nickerchen zu machen, das bis 17 Uhr geht. Im Moment habe ich Lust auf Blog — falls das irgendwann schwindet, dann eben nicht mehr.

Keine Ahnung, ob es stimmt, aber ich hab das Gefühl, dass mein Umfeld diese Unambitioniertheit wegen der Panik besser akzeptieren kann. Was es mir wiederum leichter macht, sie zu leben. Egal wie sehr man meint, man würde sein Leben leben, egal was die anderen sagen: Bullshit (bei den meisten — Ausnahmen gibt’s immer). Selbst wenn das zutrifft, ist es doch viel leichter und unanstrengender, wenn man da auf keine Widerstände trifft. Und ich hab manchmal das Gefühl, ich bin schon in diesem Rentenfeeling, auf das manche bis 65/75 warten müssen.

Ohne Panik wäre ich vermutlich gestresste Lehrerin — nicht weil der Job scheiße ist, sondern weil es mich vermutlich einfach wahnsinnig unglücklich macht, dass meine Zeit so fremdbestimmt ist. Vielleicht auch nicht. Der Punkt ist: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in einem anderen Leben sehr viel zufriedener sein könnte als in diesem. Mein letzter Psychologe hat mir beigebracht, dass ich zu glücklich bin, um “gesund” zu werden. Ich hab ja echt so gut wie keinen Leidensdruck, der mich zu einer Veränderung motivieren könnte.

Das einzige, was ich manchmal vermisse, ist die Nordsee. Die ist hier vielleicht 2 Stunden Fahrtzeit weg. Tja naja, hier isses auch schön und ich hab Gläser mit Nordseegeruch.

*Dating & Panik wird vielleicht ein anderes Mal Thema sein, da wüsste ich auch so einiges (das kann man auch — oder vielleicht sogar gerade gut machen, wenn man keinen Lebenspartner wünscht).

Juli 3

Looking back over my shoulder

Ich hab ja gesagt, ich schreibe vielleicht was drüber, wie es bei der Bank lief. Ich kann aber gar nicht viel drüber schreiben. Und darum ist es vielleicht wichtig, drüber zu schreiben.

Von dem, was ich gestern so antizipiert habe, ist NICHTS eingetreten. Es war vielleicht ganz gut, dass ich mir vorher nicht hab sagen lassen, dass wir nach der Bank noch VIER Läden anfahren werden.

Ich hab vorher noch einen halben Notausgang angeboten bekommen, indem mein Vater ergebnisoffen(!) fragte, ob ich alleine fahren will oder mit ihm. Aber ich fühlte mich gut und ich bin dann mitgefahren.

Ich weiß nicht, ob das Bloggen drüber gestern einen positiven Effekt hatte. Ich weiß aber, dass es keinen negativen Effekt hatte. Mein Lampenfieber war echt nur minimal. Vielleicht lags am Runterschreiben, vielleicht lags am Meditieren (Ziel für Juni: Jeden Tag meditieren), vielleicht einfach n guter Tag. Aber ich hab mich schon zuhause nicht halb so blöd gefühlt wie die Woche vorher. Vielleicht Gewöhnung.

Bei dem Termin selber war’s easy. Es hilft, dass es ein Thema war, das mich ehrlich interessiert. Das einzige, was mich etwas nervös machte, war der Smalltalk bevor es in medias res ging. Aber ich glaube, das ist panikunabhängig. Da bin ich dann vielleicht doch vielleicht irgendwie zielstrebig oder so, aber ich find Corona als Smalltalkthema auch einfach noch unerträglicher als Wetter oder “wie es früher war” — das ist einfach so voll von Floskeln und der Weg zum Jammern ist noch kürzer als bei anderen Themen. Aber als es dann los ging, ging es mir super.

Und danach hat vermutlich einfach die Euphorie eingesetzt und dann bin ich nicht nur bereitwillig sondern auch mit Freude quer durch die Stadt gefahren zu Sonderposten- und Supermärkten. Es war sogar Spaß, so oft macht man ja solchen Krams nicht mit den Eltern und “alte” Leute (die lesen das hier nicht, darum kann ich das sagen) sind so herrlich quirky in der Öffentlichkeit 🙂

Themen Wärme/Hitze(ja, ich weiß, wird alles noch viel wärmer) und Warten noch: Ich hab mich bei zwei der Läden sogar entschieden, im Auto zu bleiben, weil mir das in den Läden selber zu voll und rummelig war und ich selber ja gar nichts brauchte. Und Warten an sich ist ja normalerweise schon ganz schlimm, warten in der Sonne noch mehr. Aber gestern war es alles ok. Rumgesessen, am Handy rumgefummelt, beim letzten Supermarkt schön barfuß im Kofferraum gesessen mit’ner Getränkedose — ich würd sagen, näher dran komm ich an Festivalsaison auch ohne Corona-Absagen nicht.

Voll gut, das gemacht zu haben, aber das Gefühl kennen alle Panikleser:innen ja eh. Und auch eigentlich alle mit Lampenfieber. Wie oft verkackt man es dann schon wirklich auf der Bühne (und zwar so, dass man sich wünscht, auf’s Lampenfieber gehört zu haben)?

Jetzt geht es joggen (=einen km locker traben zu einer Rasenfläche auf der es Löwenzahn gibt, dann wieder zurück und sich dann freuen, dass man SPORT gemacht hat).

Juli 3

Lampenfieber wegen der Bankberaterin

Jetzt geht es doch so los, das übliche Beschreiben, was die nervigen Alltagsdinge eines:r Paniker:in sind. Da haben die guten Vorsätze ja lange gehalten. Ich versuche mal, nicht zu viel zu murren, weil ich mich ja auch selber nicht zu sehr reinziehen will. Ich bin ja eh schon drin.

Und wir machen jetzt einfach mal aus der Not eine Tugend: Anhand der heutigen Gefühle kann ich quasi als Einführung mal ganz gut beschreiben, woraus eigentlich meine Panik besteht bzw was sie anspitzt. Das ist ja bei jedem:r sehr unterschiedlich.

Also heute explizit: Triggerwarnung für Betroffene. Heut gehe ich ein bisschen ins Gefühlsdetail. Das wird gerade für Leute, die das nicht kennen, zum Teil mit Sicherheit ordentlich absurd, aber da müssen wir heute durch.

Folgendes: Ich muss heute mit meinem Vater zur Bank. Da ist es schon, das Wort “muss”. Man muss natürlich gar nichts. Doppelt nicht, ich habe keinen Termin abgemacht und ich habe auch keine Geschäfte zu regeln. Ich habe einfach im Bereich Börse etwas mehr Ahnung als mein Vater (über Panikstörung und was das für Finanzen bedeutet, evtl auch Chancen, die sich darin finden, will ich irgendwann auch noch unbedingt mal schreiben, aber nicht heute) und er wünscht sich Unterstützung. Und ich will ihn unterstützen, außerdem lerne ich gerade noch wahnsinnig viel dazu, da kann es spannend sein, was so ein Fondsmanager aufsetzen würde.* Und ich “muss” schon irgendwie, weil ihm das hilft und er schon allein generationsbedingt Probleme hätte, zu verstehen, warum ich nicht mit wollen würde. Oder positiv formuliert: Instinktiv weiß er, dass Panik konfrontiert werden muss, wenn sie weggehen soll. Aber in erster Linie müsste ich mich halt für etwas erklären, was ja dann doch irgendwie unangenehm ist. “Ich habe Angst, in eine Bank zu gehen” klingt scheiße und wenn ich alles erklären würde, was ich im Folgenden schreibe, dann würde das als Quatsch weggewischt -man ist auf dem Land eher pragmatisch als emotional- und das fühlt sich ja auch nicht schön an.

Aber ich möchte da nicht hingehen heute.

Ich bin aufgewacht und hab ein bisschen Twitter-Feed gelesen, sowas ist dann ja schon der erste Fehler. Da drohen gefährliche Augenausrutscher. Zum Beispiel, dass heute der heißeste Tag des Jahres bisher wird, über 30 °C. Dumm gelaufen. Hitze ist für mich schwierig, weil meine Angst ist, dass mir mein Kreislauf irgendwie abschmiert und ich ohnmächtig werde. Und wo werden gefühlt viele Menschen ohnmächtig? Bei Hitze. Also trinken, trinken, trinken.

Was uns auch zum nächsten Punkt bringt: Gesichtsmaske. Ich bin ein riesen Fan. Ich bin inhaltlich überzeugt, persönlich habe ich selten Probleme dadurch und im Gegenteil fühle ich mich irgendwie total wohl, wenn alle um mich rum auch eine tragen. Irgendwie gibt mir das so ein “Wir sind alle in der selben Scheiße”-Gefühl, das mich glücklich macht. Aber ich kann ja nicht einfach so trinken. Ok, ich schrieb vorher, dass es für Leute, die es nicht kennen, absurd werden könnte, aber jetzt wird es das grad auch für mich, wenn ich das so runterschreibe. Also, wenn ich im Raum in der Bank trinken will, muss ich die Maske runter nehmen. Aber das wäre ja echt nicht höflich der Bankberaterin gegenüber. Im besten Fall findet die nur mich scheiße, im schlechtesten Fall sorgt die sich dann um sich selbst. Das ist ja auch nicht die Wahrheit, im besten Fall ist ihr das total egal, weil es nur um Sekunden geht. Aber so funktioniert ja Eskalationsdenken nicht.

Blick durch ein Gitter auf eine grüne Rasenfläche

Ach ja, das Gebäude. Die Bank ist in der Innenstadt. Ich wohne in einem Dorf anhängend an eine Kleinstadt, 35.000 Einwohner mit Dörfern. Also es ist niemals VOLL, jetzt sowieso nicht. Trotzdem fühle ich mich tendenziell unwohler, wenn ich in die Innenstadt muss, als wenn ich Geschäfte am Stadtrand zu erledigen habe. Also ich muss heute in ein Gebäude, in das ich vielleicht einmal im halben Jahr gehe zum schnell-Geld-abheben. Und in diesem Gebäude muss ich noch mal in einen kleineren Raum. Meine Panik ist nicht direkt gekoppelt an Raumgröße, aber eben an das Gefühl, nicht weg zu können, wann ich möchte. Und das wird einem naturgemäß oft bewusster, wenn die Wände nah sind.

Stichwort “Ich kann nicht weg, wann ich will”. Das letzte Mal hatte ich Glück, dass mein Vater mit dem Rad fahren wollte und ich bin mit dem Auto gefahren. Dieses mal fahren wir zusammen. Das heißt, wenn ich wirklich raus müsste, weil es zu viel wird, bin ich nicht nur für mich verantwortlich, sondern ziehe eine weitere Person da rein, die mit muss. Also streng ich mich an, dass ich da bleiben will und mich nicht überrennen lasse vom Impuls, wegzumüssen. Und Anstrengung ist schlecht. Da wird der Druck unter’m Topfeckel größer. Es hilft dann auch so gar nicht, dass er mitfahren will, weil er noch andere Dinge erledigen will, also in andere Geschäfte rein, noch länger weg vom “sicheren” Zuhause, wo alles gut ist. Und noch mehr Pläne von denen ich vorher weiß. Pläne sind für mich immer schlecht. Kurzfristigkeit ist gut, weil dann ist keine Zeit, das alles zu denken, was ich hier aufschreibe.

Aber wir sind ja noch lange nicht in der Hitze oder in der Innenstadt oder in dem Raum oder an anderen Orten, wo Vater noch was erledigen will. Erst mal heißt es warten. Wenn ich Dinge tun “muss”, dann mach ich sie gern so früh wie möglich. Denn das Warten ist meistens meine eigentliche Panikattacke. Alles, was ich beschrieben habe, wird kein Problem mehr sein, wenn ich mittendrin bin. Zumindest ist es höchst selten, dass irgendwas davon eintritt, was ich mir vorher ausmale. Darum sagte ich schon im anderen Blogeintrag: Ich habe selten echte Panikattacken. Ich vermeide die ja, wo es geht. Mir fällt gerade auf, dass ich gar keinen Namen habe für das, was ich habe. Ich bin einfach vom Aufstehen bis um 14:50 Uhr on edge. Wie Lampenfieber. Vielleicht nenne ich es Lampenfieber. Vielleicht beschreibt es das am besten und vielleicht können das dann mehr Menschen nachvollziehen. (Überschrift fix angepasst)

Also geh ich da auch nachher hin und jetzt kommen wir zum positiven Part: Ich weiß schon und ich freu mich drauf, wie ich mich hinterher fühlen werde. Ich werd dann richtig was geschafft haben und sagen “Klar, nächste Mal komm ich easy wieder mit!” So war es letzte Woche beim ersten Termin und so wird es jetzt auch wieder sein. So ist es immer, wenn man nach der ganzen Lampenfieberzeit endlich auf die Bühne darf.

Vielleicht werde ich morgen mal ein Fazit ziehen, ob das Schreiben geholfen hat oder es nur schlimmer gemacht hat. Ich tendiere zu “geholfen” aber vielleicht eher, weil ich damit schon was für heute geschafft habe und ich da einen kleinen Vorschuss auf das Gefühl bekommen habe, dass ich heute Nachmittag nach dem ganzen Bums haben werde.

Und morgen kommt dann auch das, was ich mir vorgenommen habe: Mehr darüber zu schreiben, was alles ok im Leben mit Angststörung ist. War heute nur doofes Timing, aber wäre auch Quatsch, gerade darüber nicht zu schreiben, wenn es schon einmal in 30 Tagen (oder so) auftaucht.

*Bevor einer was sagt: Wir werden da höchstwahrscheinlich nichts abschließen, weil ich Vater schon zu 80% überzeugen konnte, dass ich das gleiche kann wie ein Fondsmanager — nur viel billiger. Aber für die restlichen 20% brauche ich ja erst mal sein Angebot, damit ich es dann vorrechnen kann.

Juli 3

Keine Angst, es geht nicht nur um Angst

Noch eine Panikbloggerin. Noch eine, die erzählt, was ihr besonders gut hilft, wie sie es aus der Angst geschafft hat oder wie Angst ihren Alltag beherrscht und sie lähmt.

Nee, hab ich grad (auch?) keinen Bock drauf.*

Wir gehen das ganze jetzt mal anders an.

Ich hab seit ca 15 Jahren Panikattacken, ich war über die Zeit in drei Therapien, kurzfristige Arztbesuche und Hilfen nicht mitberechnet, ich bin jetzt durch. Irgendwo zwischen austherapiert und geheilt. Vielleicht gibt es da gar keinen so großen Unterschied.

Im positivsten aller Sinne. Ich hab nämlich gemerkt, dass ich eigentlich auch mit Panikattacken ganz zufrieden bin. Wobei das nicht ganz richtig und auch nicht ganz fair ist — jede:r, der:die Panikattacken hat, weiß, wie schlimm die sich anfühlen. Das weiß ich auch und ich sag nicht “Ich halt die einfach aus und das geht schon.” Ganz im Gegenteil. Ich mache das Schlechteste, was man tun kann, wenn man Panikattacken loswerden will: Ich vermeide. Ich bin Panikerin, weil/obwohl ich nur ganz selten Panikattacken habe. Weil ich mein Leben voll darauf ausgerichtet habe. Spoiler: Ich leide sehr wenig und 80% meines Leidens sind eher auf meine Töffeligkeit zurückzuführen statt auf die Angststörung.

Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle (und ich dran bleibe hier beim Schreiben), dann werd ich in nächster Zeit einfach mal darüber berichten, wie ich mich in meiner Panik eingelebt habe und wie ich als “hoffnungsloser Fall” so im Leben zurecht komme.

Kein Plan, in meiner Utopie stell ich mir vor, dass das irgendwann mal jemand liest und sich freut oder das sogar irgendwie hilft. Größenwahnsinnig, aber eigentlich hilft Sichfreuen ja eigentlich immer irgendwie.

*jede dieser Kategorien kann auch wahnsinnig wichtig und hilfreich sein — für Schreiber:in und für Leser:innen