März 8

Off Topic am Anti-Patriarchat-Tag (aka Weltfrauentag)

Bei Facebook geisterte heute dieses Spruchbild rum. Ich hab’s viermal überscrollt, aber es war Abend, meine Gegenwehr gering und dann musste ich eben doch noch was formulieren. Und weil ichs gut fand, das aber da wohl nur drei Leute sehen werden (und ich außerdem mal wieder Content Content Content brauche), veröffentliche ich meine Antwort jetzt auch hier.

Ich reiche somit also meinen kleinen verbaler Blumenstrauß an alle Männer da draußen. Happy Anti-Patriarchat-Tag uns und euch allen!

“Als Mutter, Frau und Freundin”, das sind alles drei Dinge, die die Beziehung einer weiblich gelesenen Person zu einem Mann beschreiben (das Gedicht liest sich zumindest, als ob es an heterosexuelle Partnerschaften, genauer gesagt an Männer gerichtet ist). Es geht aber nicht darum, was Frauen FÜR Männer sind. Ich will nicht von Männern nur als potentielle Mutter oder Freundin gesehen werden. Ich möchte bitte von einem Mann auf Augenhöhe empfunden werden, ohne, dass ich für ihn irgendwie einen Nutzen oder eine Beziehung habe. Ein Pferd bin ich übrigens auch nicht.

Im Idealfall darum bitte auch nicht “ehren”, sondern einfach auf Augenhöhe behandeln. Wenn mich jemand “ehrt”, sagt er mir: “Ich habe die Macht zu entscheiden, ob ich dich ehre oder auf dich herunter sehe”. Das macht wieder den Mann zum Aktiven und Entscheider und er stellt sich über mich, auch wenn er meint, er hebt mich hoch.

Was aber toll ist und was schöne Aufforderungen an Männer sein können (Liste unvollständig):

Helft mit, dafür zu sorgen, dass alles etwas gleicher wird. Geht in Elternzeit, richtige, nicht zwei Monate, auch wenn ihr mehr verdient als die Frau.

Tretet in Männerdomänen mal zurück, wenn euren Job auch eine Frau machen könnte (und ich meine einen Job, den ihr eigentlich wirklich gern wollt, z.B. in der Lokalpolitik, im Sportverein, im Schützenverein).

Apropros Schützenverein: Tretet dafür ein, dass Frauen mitmachen dürfen. Seid aktiver Verbündeter und nicht nur Zustimmer im Hintergrund, während sie vorne den Kampf hat. Arbeitet von selber aktiv daran, dass Frauen mitmachen dürfen, selbst wenn euch noch nie eine Frau darum gebeten hat. Es geht um die Möglichkeit, mitzumachen. Gleich zu sein.

Logische nächste Konsequenz: Haltet es aus, vor euren Kumpels als Spaßbremse oder Spielverderber dazustehen. Lacht nicht mit beim nächsten Witz über das Gewicht einer Frau oder “irgendwas mit Küche”. Stimmt nicht eurem Kumpel zu, der meint, xy soll sich nicht so anstellen, obwohl ihr das heimlich eigentlich anders seht. Viele Männer empfinden sich selber immer so als Helden, aber ich hab noch nie jemanden erlebt, der seinen Kumpels mal ernsthaft sagt “Hör auf mit dem Scheiß”, wenn die sich irgendwie über mich lustig gemacht haben und alle Männer in der Runde lachten. Traut euch doch mal, euch gegen die Gruppe zu stellen, wenn die was falsch machen. Nicht hinterher zu mir kommen und sagen “Du, ich fand das übrigens kacke, was der da vorhin gesagt hat, ich bin da nicht so”.

Wer in einer Beziehung lebt: “Helft” nicht im Haushalt und mit den Kindern, das alles gehört euch zu einem genau so großen Teil, wie der Partnerin. Wartet nicht auf Aufgaben, Termine, Anweisungen (sehr toller Comic dazu: https://krautreporter.de/1983-du-hattest-doch-bloss…)

Außerdem in Beziehungen: Sorgt für einen finanziellen Ausgleich. Bezahlt die Frau, wenn sie Kinder bekommt und darum aus dem Arbeitsleben fällt. Und damit meine ich nicht “Sie kriegt immer Geld, wenn sie fragt” sondern ich denke an drohende Altersarmut, speziell bei einer möglichen späteren Trennung. Legt zusammen Geld an, das ihre verlorenen Rentenansprüche ausgleicht und das sie auf jeden Fall bekommt, nicht nur, wenn ihr zusammen bleibt.

Sorgt für Sichtbarkeit, indem ihr, wenn ihr dran denkt, auch von der weiblichen Form redet, damit jüngere Frauen überhaupt auf die Idee kommen, dass es Ärztinnen, Physikerinnen oder Müllentsorgerinnen geben kann. Ich hab z.B. viele Berufe nie als Option gesehen, weil da nie jemand davon geredet hat, dass es ITlerinnen gibt. (Hier auch wieder: Haltet aus, solltet ihr dafür ausgelacht werden. Man gewöhnt sich dran und es fühlt sich fucking gut an, wenn man den eigenen Standpunkt durchgezogen hat)

Glaubt Frauen. Nicht erst, wenn der Typ, der Gina-Lisa Lohfink vergewaltigt hat, das zweite Mal wegen einer anderen Vergewaltigung vor Gericht steht, weil man Gina durch ihre Optik “irgendwie nicht glaubwürdig” fand. Glaubt ihnen auch, wenn der Abuser ein Held von euch ist, wie z.B. Ronaldo (der sogar schriftlich zugegeben hat, dass der vollzogene Analverkehr nicht einvernehmlich war). Nicht nur Männer verlieren Helden, die sich dann als nicht so heldenhaft herausstellen und für uns alle ist das manchmal dann schmerzhaft, aber Frauen nicht zu glauben ist mit Sicherheit für diese schmerzhafter – und trägt dazu bei, dass zukünftig noch weniger Menschen (jeden Geschlechts) Übergriffe melden werden. (aktuell werden geschätzt nur 5%- 15% angezeigt. https://www.frauen-gegen-gewalt.de/…/zahlen-und-fakten…)

Überlegt euch mal ganz realistisch, würdet ihr anzeigen, wenn ihr vergewaltigt worden wärt? Würdet ihr das öffentlich machen, im Fußballverein, im Kegelclub? Könntet ihr mit euren Schützenbrüdern über diese Gewalterfahrung reden, wenn sie euch zugestoßen wäre? Und wenn nein, was könnte man tun, damit das besser wird? Wie kann man selber jemand werden, mit dem man über so etwas reden kann, egal welches Geschlecht man hat? Und wenn man so jemand ist, wie kann man die Freunde animieren, auch so jemand zu werden? Redet ihr unter männlichen Freunden manchmal darüber, was ihr zusammen tun könntet, damit sich Frauen sicherer fühlen? Werdet offener untereinander, mit euren Freunden, damit wir offener zu euch sein können.

Interessiert euch. Findet raus, was die Pille alles für Nebenwirkungen hat und warum die Pille für den Mann wegen der GLEICHEN Nebenwirkungen nie zu Ende entwickelt wurde. Habt Mülleimer im Badezimmer, selbst wenn ihr in einem Haushalt ohne Menstruierende lebt (und für Fortgeschrittene: legt für Besucher:innen mit Menstruation im Bad ein paar Tampons mittlerer Größe bereit). Schlagt nach, wie die Klitoris wirklich aussieht. Warum Frauen öfter eine Blasenentzündung haben als Männer. Stellt euch vor, wie es wäre, wenn etwas in euch wächst, was ihr als etwas wahrnehmt, das da nicht sein soll und helft dann mit, niedrigschwelligen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen zu ermöglichen.

Wie gesagt, unvollständig, aber was ganz Wichtiges zum Schluss: Fühlt euch nicht angegriffen, wenn wir sowas sagen. Geht nicht in Abwehrhaltung. Ich sage nicht, Männer sind schlechte Menschen oder so ein Quatsch. Ich versuche, Sachen zu erklären, die man vielleicht aus männlicher Perspektive gar nicht bemerkt, weil es ja schon immer so war. Das ist nicht schlimm. Aber wenn ihr wirklich weiblich gelesene Menschen so toll findet, wie es das Gedicht sagt, dann “ehrt” nicht, sondern reflektiert, was von den aufgezählten Punkten in Zukunft zumindest versuchenswert ist. Davon hab ich am Ende viel mehr als nur von der Ehre.

Noch eine Ergänzung hier, die ich bei FB vergessen hab und die mir auch erst beim späteren Lesen auffiel: Niemand macht alles richtig. Ich habe hier zwischendurch kacke gegendert, bin unsicher, wann man besser Frauen oder besser “weiblich gelesene Menschen” sagt. Jeder verkackts, nicht nur Männer (hört hört). Darum soll man ja zuhören, Rat annehmen von Leuten, die was dazu zu sagen haben und versuchen, es das nächste Mal besser zu machen.

September 22

Ich schaff das schon

Screenshot von Rolf Zuckowski auf YouTube

…ich schaff das ganz (von) alleine

In meinem letzten Post, der ja schon einige Zeit her ist, hab ich über meine schlechte Phase geschrieben. Jetzt kann ich verkünden: Es geht mir besser! Und was ich damit sagen will: Es wird besser. Immer.

Gerade Menschen, die schon lange unter einer (psychischen) Krankheit leiden, erkennen ja früher oder später Muster bei sich. Und ein super wichtiges Muster, dass ich bei mir erkannt habe:

Alles ist eine Sinuskurve.

Sowas zu erkennen ist generell hilfreich – aber besonders hilfreich, wenn man es hinkriegt, sich daran zu erinnern, wenn es einem schlecht geht.

Das Wissen, dass es zwar gerade anstrengend und manchmal auch schlimm ist, aber wieder besser wird, hilft sehr, zu akzeptieren. Und wie viele von uns Kranken wissen – und auch die Gesunden, die diese Seite regelmäßig verfolgen – ist Akzeptanz eine sehr starke Waffe gegen Panikattacken.

Akzeptanz hilft dabei, dass die Last abfällt, der Druck verschwindet und man wenigstens eine Sorge weniger hat. Erfahrungsgemäß ist Hadern, dieses Hin und Her, besonders kräftezehrend. Wenn ich zum Beispiel gerne irgendwo hin fahren möchte, dann fange ich oft an, innerlich mit mir zu diskutieren, anstatt mich einfach für das Entweder oder das Oder zu entscheiden (hab mich gerade dazu entschlossen, ein Beispiel dafür als eigenen Beitrag zu machen – hier wurde es gerade ausufernd lang 😀 ). Eine Entscheidung würde alles leichter machen, Gewissheit bringen, mich beruhigen, aber ich treffe sie über Stunden nicht.

Gleiches Konzept, gleiche Wirkung, größere Bedeutung. Denn ja, mir ging es nicht gut, als ich das letzte Mal schrieb. Und ich fand es übrigens rückblickend voll wichtig, darüber zu schreiben; alleine das hat mir schon geholfen, obwohl ich nun wirklich KEINE

Das Schreiben hilft mir, mich auszudrücken, tröstet mich, wenn ich traurig bin, nährt mich, wenn ich hungrig bin,…

Quelle: Jede:r Autor:in dauernd

…Person bin. Dafür bin ich zu pragmatisch, glaube ich. Aber einmal ausgesprochen, kann man es nicht mehr zurück nehmen.

Ja, I know, ich kann’s löschen, shut up.

Ich hab’s ausgesprochen und keine:r hat gelacht, mich ausgegrenzt, mich in Watte gepackt oder irgendwas. Die häufigste Reaktion war btw “Ja, ich auch grad irgendwie”. Und wenn man es einmal sagt, kann man es noch mal sagen. Auch persönlich, virtuell oder in echt. Und wieder: Akzeptanz. Aufatmen. Das hat ein bisschen geholfen.

Tee trinken

Was aber vermutlich am meisten geholfen hat*: Abwarten und nicht den Kopf verlieren. So sehr ich wusste, dass es mir gerade schlecht geht, so sehr wusste ich auch, dass das einfach manchmal passiert. Und dass es dann irgendwann auch wieder gut wird. Und das ist es jetzt. Ich hab nicht nur wieder mehr Energie -die war tatsächlich gar nicht so verschwunden, ich hab sogar ziemlich viel geschafft in der Zeit- ich kann mich wieder freuen. Ich arbeite meine Tagesliste ab und bin am Abend richtig zufrieden mit mir, weiß, dass ich vorangekommen bin, fühle mich glücklich. Nee, nicht nur Abends, sondern den ganzen Tag. Selbst in Momenten, in denen ich mich unglücklich fühle, hat das wieder die altbekannte Qualität und Intensität und nicht mehr einfach nur Taubheit.

Also wer immer das heute/diese Woche/diesen Monat/dieses Jahr lesen muss: Es wird wieder besser. Du musst dich nicht irgendwie zusammenreißen, du musst nicht ENDLICH mal was dagegen tun, du musst gar nichts. Es wird irgendwann wieder besser und bis dahin achte noch mehr auf dich als du es sowieso solltest.

*Am vermutlich gleichmeisten hat übrigens geholfen: Hormonelle Verhütung absetzen. Pro-Tipp für Frauen.

Was mich aber wirklich fertig macht, ist, dass ich in intensivsten Corona-Zeiten nicht mitbekommen habe, dass Rolf Zuckowski Wohnzimmervideos veröffentlicht. Das nagt.

August 16

Guten Tag, ich will mein Leben zurück

Ich hab schon mehrfach in Panik-Communities gelesen, dass Leute sinngemäß ausdrücken: “Ich will doch nur mein altes Leben zurück”. Und ich würde dann am liebsten schreiben: “Kriegst du aber nicht.” Aber das wäre unhöflich, hart und vielleicht hab ich ja mal bei einer:m Unrecht. Und es klingt so hoffnungslos.

Ich könnte jetzt in diesen Coach-Sprech verfallen: “Es ist zwar anstrengend, wie es nun ist und du fühlst dich oft bestraft, aber die Angststörung ist in dein Leben gekommen, weil vorher etwas nicht in Ordnung war. Mit der Angststörung wurdest du gezwungen, deinen Lebensstil zu ändern. Einen Lebensstil, der dir nicht gut getan hat.”

Das kann sogar manchmal stimmen. Burnout und Angststörung hängen oft zusammen. Nicht nur bezogen auf Stress bei der Arbeit, sondern oft erwischt es Menschen, die privat für jede:n da sind, außer für sich selbst.

Aber eben nicht nur. Panikattacken kann man sich ohne Grund einfangen, wie eine Erkältung, viele Menschen haben in ihrem Leben mal eine Panikattacke. Eine Angst, die sich körperlich auswirkt und bei der man mit Abstand aber sieht, dass sie irrational war. Wenn man dann vielleicht in dieser anstrengenden Zeit nicht etwas besser auf sich achtet, kann aus dem Husten eine Lungenentzündung werden. Manchmal aber halt auch einfach mit Pech, obwohl man aufgepasst hat. So ist das auch, wenn aus einer einzelnen Panikattacke eine generalisierte Angststörung wird (noch ein Fun Fact, weil ich es gerade gelernt habe und selber nicht wusste und es nun ein bisschen krass finde: 25% der Bevölkerung haben einmal in ihrem Leben eine Angststörung gehabt – das heißt langfristig in einem Lebensbereich Ängste).

Das Problem mit dem Narrativ, dass die Angststörung aus einem bestimmten Grund da ist, ist, dass man zu viel Energie mit der Suche danach verbringt (bekannte Traumata aus der Vergangenheit ausgeschlossen, die können natürlich auch Auslöser sein und für die gilt das Gesagte natürlich nicht). Und das ist in der gleichen Kategorie wie “Ich will mein altes Ich zurück”.

Beides schaut nach hinten. Beides beschäftigt sich mit Dingen, die nicht änderbar sind. Beides ist deshalb wahnsinnig unproduktiv. Und was man bei einer Angststörung tun muss, damit sie besser wird, ist eben ÄNDERUNG (darum macht man ja auch für gewöhnlich eine Verhaltenstherapie).

Ich bin ja nun bekanntermaßen all about Akzeptanz. Sogar “Akzeptanz statt dran arbeiten”. Aber selbst, wenn man dran arbeiten möchte – und ich empfehle jede:r Betroffenen zu versuchen, daran zu arbeiten, sonst kann man nicht lernen, was der ideale persönliche Umgang ist – dann ist Akzeptanz wichtig. Und dazu gehört eben auch die Akzeptanz, dass es eben vermutlich nicht wird wie vorher.

Das ist ja auch voll ok. Auch gesunde Menschen ändern sich mit der Zeit. Das passiert ja nicht nur denen, die einen ungewollten “negativen” Einschnitt haben. Und auch gesunde Menschen trauern der Vergangenheit manchmal hinterher. Wer kennt nicht diese meist alten, etwas unangenehmen Menschen, die nur von früher reden? Und möchte man so jemand werden?

Wer nach hinten guckt, kann nicht nach vorne gucken (ich sollte Motivationsplakate drucken). Und außerdem – oft war man ja früher auch total bescheuert, will man da echt wieder hin?

Juli 28

Paniker:innen sind ideale Frugalist:innen…

Ich weiß heute nicht ganz, wie ich das strukturell am besten angehe. Ich glaube ich fange beim “…Mit ein bisschen Glück”, dem Untertitel, an.

Ich hab es ja schon mal angesprochen, dass psychische Krankheiten oft mit Armut (für deutsche Verhältnisse) zusammen gehen. Weil man einfach oft nicht in “gängigen” Jobs arbeiten kann, die normal bezahlt werden. Oder, wenn es geht, ist man vielleicht weniger belastbar, kann nur wenige Stunden arbeiten oder wird irgendwann rauskomplimentiert, weil man zu viele Ausfälle hat. Ich weiß also, dass das, was ich jetzt beschreiben werde, lange nicht für jede:n gilt. Und ich hoffe, niemand fühlt sich verarscht von dem, was ich hier formulier. Ich weiß, dass es in gewisser Weise auch einfach Glück ist, wenn man genug Geld zum Ok-Leben hat.

Nach diesem Disclaimer, Thema der heutigen Stunde: Frugalismus. Ich glaub, das ist ein relativ unbekanntes Konzept und die, die es kennen, haben eher so weirde Hippies vor Augen. Naja, klar, wenn man eine Doku zu dem Thema macht, sind die extremen Leute spannender und dann zeigt man eher den Typen, der sich nicht mal Schuhe kauft, weil man barfuß ja eh viel mehr mit der Erde verbunden ist, und der sich eine Hütte im Wald gebaut hat und nur von selbst Angebautem lebt.

So, jetzt erst mal auch denen, die den Begriff nicht kennen, ein Extrem-Bild in den Kopf gesetzt. Perfekt.

Frugalisten sind Menschen, die -bewusst- einen geringen Lebensstandard haben, was Konsum angeht. Das “offizielle” Ziel ist es, schon früh, also mit 40 oder 50 Jahren, aber zumindest weit vor regulärem Rentenalter (das wird bei uns ja vermutlich so 73 Jahre sein) finanzielle Freiheit zu erlangen, das heißt, nicht mehr arbeiten zu MÜSSEN. Betonung auf müssen – also die Wahl zu haben, es zu tun. “Inoffiziell” geht es einfach um Glücklichsein und dabei hilft TunKönnenWasManWill halt enorm.

Und das ist das alles gar nicht so extrem, wie es scheint. Die meisten Frugalisten verbieten sich nichts. Sie verzichten nicht auf ein gutes, glückliches Leben, nur um möglichst früh nicht mehr arbeiten zu müssen (und sie sind auch nicht faul). Frugalisten entscheiden sich im Prinzip nur bewusster fürs Sparen und sind damit eigentlich die deutschesten Deutschen, die es gibt – auch wenn das Konzept ursprünglich aus den USA kommt (der vermutlich berühmteste Frugalist bzw der, der das Konzept “groß” gemacht hat, ist Mr. Money Mustache).

Und wenn man mal drüber nachdenkt: Es ist ja eigentlich zumindest kurios, dass wir gar nicht hinterfragen, warum wir nach einer Zeit des knappen Geldes (meist irgendeine Art von Ausbildung), automatisch unseren Lebensstandard hochschrauben, wenn wir mehr Geld verdienen. Irgendwie gehen wir einfach davon aus, dass wir in Ausbildung/Studium VERZICHTET haben und wir jetzt aber richtig leben wollen.

Beispiel Wohnsituation. Viele neigen dazu, sobald es finanziell möglich ist, sich wohnraummäßig zu vergrößern bis hin zum Haus, wenn man Familie hat. Und irgendwie nimmt man automatisch an, dass mehr Platz auch glücklicher macht. Für manche oder viele, kein Plan, ist das sicher auch so. Aber man bezahlt eben nicht nur mit höheren regelmäßigen Ausgaben dafür, sondern auch mit Lebenszeit. Denn falls man Wert auf Ordnung und/oder Sauberkeit legt, muss man halt mehr Zeit aufwenden, um’s sauber zu halten. Wo mehr ist, kann auch mehr kaputt gehen und muss repariert werden. Wenn man daran Spaß hat, dann ist das wiederum keine Ausgabe sondern eine Einzahlung auf frohmachend genutzte Lebenszeit, klar.

Und wer jetzt berechtigterweise einwirft, dass ich ja auch in einem Haus mit VIEL zu viel Platz für mich wohne – korrekt. Allerdings in meinem Fall ist es die finanziell günstigste Wohnsituation, die es für mich gibt. Plus mich macht weniger das Haus glücklich, sondern vielmehr das Grundstück mit allem was da kreucht und fleucht drumherum. Das krieg ich ja nun mal nicht ohne Haus. (Und ich putz ja fast nie, also habe ich keinen Mehraufwand was Zeit angeht. Außer ich krieg Besuch.)

Naja, aber egal auf welchen Lebensbereich man das anwendet, insgesamt gilt: Es geht nicht um Verzicht, der weh tut. Man schränkt sich nicht ein und leidet drunter, nur damit man später nicht mehr arbeiten muss. Sondern es geht einfach darum, sich bewusst zu fragen, was man eigentlich wirklich braucht und wo man nur irgendwie das Gefühl hat, das macht man ja so und das macht ja alle anderen auch glücklich oder “whole”. Bzw. in welchen Bereichen man noch nie drüber nachgedacht hat sondern einfach macht.

Wenn man zum Beispiel eh lieber mit dem Fahrrad überall hin fährt, weil man das für gesünder für sich hält, weil man dann den Kopf frei bekommt, weil man persönlich damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will, kann man sich zusätzlich aus finanziellen Gründen gegen ein eigenes Auto entscheiden. Dann ist man bereits im Grundmindset eines:er Frugalist:in.

Wenn man keinen Wert darauf legt, viel auswärts zu essen, weil man dann nicht weiß, was drin ist, weil man sich das Mittagessen lieber mit zur Arbeit bringt, anstatt in der Kantine zu essen, weil man Spaß hat am (geselligen) Kochen und eben außerdem, weil es auf Dauer viel Geld spart – Frugalist:in-Anfänge.

Wenn man die letzten 10 Jahre und auch die nächsten 40 Jahre nicht in den Urlaub fährt, egal ob nah oder fern, weil man das durch die Panikattacken nicht kann, das aber gar nicht vermisst, sondern statt dessen anfängt, das dort nicht ausgegebene Geld zu sparen statt anderweitig auszugeben: Teilzeit-Frugalistin.

Schon ein langer Text und jetzt kommt eigentlich erst der Panik-Spin: Angststörungen gehen super oft mit Einschränkungen einher. Man nimmt in vielen Bereichen nicht so richtig am öffentlichen Konsumleben teil. Bei mir ist das eben z.B. Essen gehen, in den Urlaub fahren, auf Festivals gehen, generell alle Veranstaltungen, die nicht in meiner eigenen Stadt sind. Kino nur, wenn ich mich wirklich gut fühle. Ich geh nicht nur mal bummeln und kauf dann Klamotten, einfach weil ich sie grad schön finde.

Gleichzeitig hab ich natürlich keine “normalen” Einnahmen, das heißt, ich hab nicht das gleiche Geld zum Ausgeben wie andere meines Bildungsstandes. Und außerdem hab ich mich dafür an viel mehr Online-Geldausgeben gewöhnt (Shoutout an Steam, bei denen ich alleine 56 gekaufte Spiele liegen habe). Aber seit ich mich mit meinen Finanzen näher beschäftige und speziell mit dem Plan oder dem Wunsch, meinen Lebensabend mit so wenig Armut wie möglich zu gestalten, sind natürlich die Online-Ausgaben das erste, was man simpel streichen kann – erst mal die 56 Spiele alle durchzocken, bevor ich ein Neues kaufe. Und so ist mir aufgefallen, dass es ja irgendwie auch ein “Glück” ist, dass ich nie in diesen selbstverständlichen Konsum als Ausdruck von zufriedenem Lebenswandel reingeraten bin.

Was ich sagen will: Wenn man ja eh schon auf Krams verzichten muss, weil die Psyche es einem schwer macht, dann kann man dem Ganzen ja auch einen anderen Dreh geben. Dann kann man vielleicht manchmal sagen “Geil, das Geld wird gespart, das Geld wird investiert*, dann hab ich später was davon und es hat irgendwo auch sein Gutes, dass ich das jetzt nicht ausgebe” statt sich dauernd selbst Vorwürfe zu machen, dass man an diesem “normalen” Leben nicht richtig Teil haben kann. Und wenn es nur ist, dass man sich nur noch halb so viel Sorgen im Alter machen muss, weil man im Jetzt keiner Arbeit nachgehen kann, die auch nur annähernd genug Rentenansprüche generieren würde, damit man über die Runden kommt (wenn es sowas unter den mittelgut bezahlten Jobs denn überhaupt gibt aktuell).

Dies war also ein weiteres Kapitel im Bereich Reframing von Folgen deiner Angststörung. Ist alles ein bisschen idealistisch und wenn man unter was leidet, nervt es, wenn eine:r kommt und sagt “Aber sieh es doch mal positiv!”. Voll. Aber manchmal komm ich selber einfach gar nicht auf ne neue Sichtweise, bis sie mir jemand anderes unter die Nase hält, darum mach ich das genauso (also unter die Nase halten).

*jahaaa, ich bin immer noch dran am Off Topic-Artikel über simples Anlegen statt Geld verschimmeln lassen

Juli 11

Seitwärtsentwicklung

“Wenn ich in 30 Jahren noch genau da stehe, wo ich heute bin, dann bin ich die glücklichste Person der Welt”.

Das sag und denk ich oft. Aber wenn ich das sage, gerade zu Menschen, die mich nicht seit 100 Jahren kennen, hat das schnell eine Aussage, die ich gar nicht machen will: Es wirkt, als würde ich mich nicht mehr weiterentwickeln wollen.

Kompletter Stillstand ist glaube ich das Schlimmste, was sich die meisten vorstellen können. Manche wollen keinen Stillstand in der Karriere, die wollen weiter kommen, andere wollen im Alltag keinen Stillstand, sondern immer was Neues zu erleben, wieder andere beziehen das eher auf eine mentale Entwicklung und empfinden geistigen Stillstand als den Anfang vom Altsein aka einrosten.

Dem letzten Teil stimme ich zu.

Also für mich persönlich. Es muss sich nicht jede:r andere dauernd entwickeln und auch nicht bis zum Lebensende. Ich möchte das nur für mich.

Aber halt anders als man meint. Ich will nicht größer werden oder mehr werden oder weiter kommen, als ich jetzt bin. Ich hab kein höheres Ziel mehr. Ich bin komplett angekommen. Und das macht alles so stressfrei glaube ich.

Ich glaube, für gewöhnlich will man sich nach oben entwickeln – und ich will mich lieber zur Seite entwickeln. Wenn mich was interessiert, will ich es machen. Aber nicht, weil ich damit irgendwie besser oder klüger oder gebildeter werden will, sondern einfach, weil es mich interessiert. Jetzt gerade. Und wenn ich damit was machen kann – geil. Aber ich hab in meinem leben auch schon genug große Pläne und Ideen gehabt, um zu wissen, dass ich die eh nach kurzer Zeit wieder aufgebe, weil ich dann wieder was anderes Spannendes gefunden habe, das das nächste große Ding wird.

Nicht mein Punkt.

Mein Punkt ist: Stresst euch nicht mit dem hochleveln. Vielleicht seid ihr schon da wo es maximalglücklich ist (aber nur, wenn ihr glücklich seid – wenn nicht, dann ist da noch Luft nach oben). Und ihr merkt das nur nicht, weil ihr noch höher wollt. Oder weil ihr meint, ihr müsst auf das gleiche Level kommen, wie die “Normalen”. Die normalen Menschen können und machen viel mehr als ich. Die haben ein gefühlt erfolgreicheres Leben, weil sie aus ihren Anlagen und Möglichkeiten was machen, oft das Maximalmögliche. Man gibt Paniker:innen manchmal das Gefühl, dass wir hinter unseren Möglichkeiten zurück bleiben. Was wir alles machen/werden könnten, wenn wir diese Panik überwinden würden! Aber wir bleiben gar nicht (unbedingt) zurück. Ich zumindest nicht. Ich hab alles, was ich brauche und ich will gar nicht weiter sein. Ich will auch nicht weiter kommen.

Stattdessen lernt mal was Sinnloses. Lernt, wie man eine Eule ausstopft. Aus der Luft gegriffenes Beispiel.

Juli 5

Es gibt kein schlechtes Wetter

Heute ist es rummelig draußen*. Wind, “kalt” (für Juli), Regen – aber nicht mal richtiger Regen, sondern die meiste Zeit dieses Sprühzeug.

Das zieht viele Menschen runter und ich kann auch nachvollziehen, weshalb. Grad die, die gern draußen sind, die aktiv was machen wollen, für die ist das nichts, noch dazu an einem Sonntag.

Ich habs gern. Das ist ein wenig so ein ähnliches Konzept wie bei meinem Corona– oder dem Hobby-Post. Bei so nem Wetter kann man sich dem Gelungere doch voll hingeben – ich meine, was soll man denn anderes machen? Ich würd ja rausgehen, wenn ich könnte, aber es ist ja echt ungemütlich.

Da kann ich dann endlich mal drinnen bleiben. Und ich meine, es ist Sonntag, also macht man ja auch keinen Krams, der gemacht werden “muss”. Ich sag das als eine, die eh nicht viel macht/machen muss, aber halt heute aus Prinzip nicht. Ich mag diese Regentage. Ich mag’s, wenn es im Wohnzimmer dämmert und wenn ich nicht die Jalousien halb runter machen muss, damit es nicht im Fernseher reflektiert, wenn ich ein Spiel (aktuelles Lieblingsgame übrigens dieses) spielen möchte.

Gerade für Leute, die sonst im Hamsterrad** sind, sollte ein Tag wie dieser als Gammeltag willkommen geheißen und unter Gemütlichkeit statt Eingesperrtsein gespeichert werden. Vielleicht sag ich das leicht als eine, die nicht gern ausgeht – aber ausgehen ist ja nicht das Gleiche wie rausgehen. Ich geh gern zu meinen Getier raus. Aber ich hab echt nichts dagegen, mich auch mal richtig einzumurmeln, auch im Sommer.

Der Fachbegriff ist “Eichhörncheneinmuckeln”, das hab ich von Matti, dem Trolljungen bei Lady Lockenlicht gelernt, das muss also stimmen. Ich hab gerade mal wieder Halsschmerzen, da kann man dann sogar noch Tee mit ins Portfolio aufnehmen, für den besonderen Gemütlichkeitskick.

Für viele Paniker:innen ist dieses Wetter übrigens unabhängig vom “Ich würde lieber drinnen bleiben, aber die Gesellschaft erwartet von mir, dass ich ein aktiver Mensch bin”-Dilemma eine Erleichterung. Viele haben Probleme mit Sommerhitze, weil es ihre Angst verschlimmert. Angst vor Ohnmacht, Angst vor Herzinfarkt, Angst vor Dehydration, Angst vor Krebs (gut, letzteres sind eher die Hypochonder, aber da sind die Übergänge ja fließend), das machen Hitze und/oder Sonne natürlich schlimmer.

Ich hatte Gott sei Dank nur einen Sommer, in dem das schlimm war und der ist schon sicher über fünf Jahre her, aber da hab ich schon Herzklopfen bekommen, wenn ich morgens wach wurde und die Sonne wieder schien. Und ich wieder wusste, sollte es hier im Schlafzimmer unaushaltbar werden, kann eigentlich nur noch in den Keller. Und danach kann man nicht mehr ausweichen (abgesehen davon, dass eine ungewohnte Schlafgelegenheit dazu führt, dass ich schlecht (ein)schlafen kann und wenn ich schlecht einfschlafen kann, dann fang ich an, Angst zu kriegen, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen kann und dann kann ich natürlich die ganze Nacht nicht schlafen und dann habe ich Angst, dass mein Kreislauf deshalb zusammenkracht…sagte ich schon Hamsterrad?). Ich hab nie im Keller geschlafen, aber ich hab in dem Sommer generell weder gut geschlafen noch war ich gut wach. Aber ich habe sehr gut und vorbildlich getrunken.

Ja, es ist ein guter Tag heute.

Und natürlich werd ich bei richtig geilem Sonnenwetter auch noch mal einen Post schreiben, weshalb es besonders bei toller Sonne wunderschön viel Spaß macht, drinnen zu bleiben. Weil ich auch dafür die passende Hirnkleidung habe.

*Für alle, die in meiner Gegend wohnen. ja möglicherweise habe ich angefangen, diesen Post zu schreiben als noch Kackwetter war und möglicherweise habe ich dann erst Pausen und Nickerchen und Ähnliches gemacht und möglicherweise ist es jetzt eigentlich ganz schön. Für alle, die nicht in der Region wohnen: Der Post ist ganz nah am Tagesgeschehen dran.

**Stichwort Hamsterrad: Ich als ausgewiesener ESC-Fan muss natürlich hinweisen auf den netten Netflix-Film Eurovision Song Contest – The Story of Fire Saga. Für nen Will Farell Film (und wenn man ein paar faktische Eurovision-Ungenauigkeiten ausklammert, wie ich einklammernd bemerken möchte) fand ich den wirklich sehr schön und liebevoll

Juli 3

Ich hab heut richtig schlechte Laune, ich bin total mies drauf…

Clickbait. Ätsch.

Ich hab heute ziemlich gute Laune. Ich hab viel geschafft, es ist schön draußen und ich kann schön drinnen rumhängen.

-Ah fuck, ich muss das Getier noch in’s Bett bringen, bin in fünf Minuten wieder da-

So, jetzt. Das Getier ist mit ein Grund, weshalb mein Tag so gut war. Wer Probleme mit Meditation/Achtsamkeits-Übungen hat, dem kann ich wärmstens zwei Küken empfehlen, die sich an einen schmiegen, etwas nibbeln und dabei leise vor sich hin zwitschern. Also sehr entspannender Abend nach einem sehr produktiven Tag.

Und trotzdem möchte ich über schlechte Laune reden. Vielleicht inspiriert von der Achtsamkeits-Übung. Da soll man ja oft Empfindungen spüren, ohne zu bewerten. Also wenn etwas weh tut, ist da erst mal nur was Schmerzendes, aber nichts Negatives. Eine gute Übung finde ich.

Aber wisst ihr, was noch eine gute Übung ist? Sich vornehmen, schlechte Laune zu haben.

Ich hab mal einen Schlechte-Laune-Tag gemacht. Geplant, freiwillig, bewusst. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich mir das am Tag vorher überlegt habe oder am gleichen Tag morgens. Ich GLAUBE, vorher, weil ich nämlich auch zeitnah einen Gute-Laune-Tag gemacht hatte. Die Regeln waren denkbar einfach: Den ganzen Tag alles scheiße (bzw am Tag vorher gut) finden.

Und es war schön. Ich erinner mich, dass mir das sehr leicht fiel, weil auch irgendwie viel Doofes passierte; die Arbeit war nervig, mir gelangen Sachen nicht, Leute waren blöd. Alles lief wie am Schnürchen Scheiße. Und ich war murrig. Und gleichzeitig aber irgendwie auch total zufrieden.

Das lehrt mich und uns zwei Dinge:

1. Meine Stichprobe ist klein (ein Tag), aber ich bin mir relativ sicher, dass Self-Fulfilling Prophecy n großes Ding ist in unserem Alltag. Keine Chance, dass mir zufällig an dem Tag dauernd alles misslang, einfach, weil das Universum es schlecht mit mir meinte. Ich hab mit meiner Erwartung den Quatsch angezogen. Und halt auch Negatives reininterpretiert, in Dinge, über die ich sonst lachen würde

2. Akzeptanz ist ein geiles Tool. Ich hab den ganzen Tag gegrummelt und habe mich trotzdem überhaupt nicht scheiße gefühlt. Dadurch, dass ich das erwartet und damit die Tatsache angenommen habe, hab ich das sogar irgendwie genossen. ich hatte mal einen Tag, wo nix geil sein MUSS, nix MUSS gut laufen, es kann einfach mal alles doof sein. Das war toll. Und ich war am Abend nicht frustriert oder traurig, sondern ich war entspannt.

Und ich wusste dann: Heute war ein Scheißtag und dann kann’s ja morgen nur besser werden. Wurde’s bestimmt auch, ich erinner mich nicht mehr.

Ich kann echt jedem:r nur empfehlen sich morgens mal bewusst vorzunehmen, dass das ‘n Kacktag wird. Es war toll! (Und zum Thema Akzeptanz und Panikattacken muss ich ja nicht viel sagen — mein ganzer Blog handelt ja quasi vom akzeptieren.)

*Die passende musikalische Untermalung zur Überschrift findest du, wenn du hier klickst

Juli 3

Gutes Hobby, schlechtes Hobby

Wenn es um Panikattacken geht, steht ja auch immer ein bisschen Frage im Raum, ob man denn noch ein produktives Mitglied der Gesellschaft ist. Also ich glaube ja, am meisten fragt man sich das selbst und die Menschen um einen rum gar nicht sooo sehr. Schon alleine, weil Menschen doch gerne auch mal wen um sich haben, der:die Sachen ein bisschen mehr verkackt als man selber. Wir sind also sehr nützliche Mitglieder der Gesellschaft, weil wir machen, dass es anderen “Mittelmäßigen” besser geht.

Naja, aber sowas hört ja bei Dingen, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft voranbringen nicht auf. Man fühlt sich ja auch irgendwie gedrängt, auch HOBBIES zu haben. Und scheinbar ist ein Hobby ja nicht gleich ein Hobby.

Ich bin nicht aktuell, aber doch immer mal wieder in regelmäßigen Abständen bei Tinder unterwegs. Und wenn n Gespräch nur so auf 60% läuft am Anfang, dann wird auch mal nach Hobbies gefragt. Und dann merk ich, wie sehr ich an meine Grenzen stoße.

Nicht nur, dass ich ja diesem Reise-Lifestyle komplett außen vor bin, real wie mental, aber ich hab auch irgendwie gar keine sexy Hobbies (nicht sexy gemeint). Wenn ich also meine Hobbies aufzählen soll, müsste ich ehrlicherweise sagen: Puzzlen, Fernsehen, Computer spielen, Nickerchen machen, nähen, repeat. Und oft sag ich das ehrlicherweise auch stumpf. Weniger aus Prinzip und weil man ja ehrlich sein soll, statt sich irgendwie besonders gut darzustellen (wer versucht denn nicht beim Dating erst mal so zu tun, als ob er:sie nicht kacken muss, NIE!) sondern einfach, weil ich dann hoffe, dass das Gespräch von 60% auf 80% hoch geht, wenn man vom Standard abweicht. Tut es meist nicht.

Ich schweife ab.

Warum empfindet man manche Dinge, die man gerne zum Zeitvertreib tut, nicht als standesgemäße Hobbies? Und empfindet “man” überhaupt so, oder geht das nur mir so? Es gibt Menschen, die verdienen mit Gamen mittlerweile ihren recht guten Lebensunterhalt, warum soll ich mir das nicht als Hobby nennen, ohne dass man an den World Of Warcraft-Typ aus South Park denken muss? Nickerchen können, gut gemacht, besser zum Batterien Aufladen dienen als alles andere. Wenn ich Puzzle kann ich sogar Puzzlen und Fernsehen gleichzeitig — das soll doch mal eine:r sagen, das wäre nicht produktiv/effektiv!

Ich finde, wenn man eine Angststörung hat, wird man sehr oft mit fehlender Aktivität und damit irgendwie Produktivität konfrontiert. Und ich finde, das ist irgendwie gar nicht schlimm. Wenn man es genau nimmt, bin ich richtig glücklich drüber, dass ich einen Grund habe, den Menschen zumindest vorgeben zu akzeptieren, dafür, dass ich nicht ins Fitnessstudio gehe, oder einem Chor beitrete oder einer sonstigen Gruppierung. Ich hab meist am liebsten nur mich um mich herum.

Aber das ist ja nur wegen der Panik — und niemand würde je behaupten, dass ich eine durch und durch unsoziale Person bin *Zwinkersmiley

Juli 3

Geburtstags-Angst

-Edit: ich hatte die Veröffentlichung getimed, aber aus irgendeinem Grund wurde der nicht online gestellt. Ich hab ihn also nun letzte Woche geschrieben, aber er bezieht sich auf gestern-

Diesen Beitrag habe ich vorgeschrieben. Denn das Allerwichtigste an meinem Geburtstag ist: Keine Pflichten, keine Termine, keine Menschen.

Versteht mich nicht falsch, ich mag Menschen und ich glaube, im Schnitt mögen Menschen mich. Zugegeben, ich glaube, ich komme bei Fremden besser an und wenn man mich dann intensiver am Kopf hat, kann ich anstrengend sein; falls das schon subtil durchschien, ich ertapp mich manchmal dabei, dass ich zu viel über mich rede. Ich denk dann immer, meine Alltagsstories, die mich eben so sehr begeistern (daundda einen Hasen gesehen und manchmal sogar ein Eichhörnchen!!!), interessieren andere genauso. Meine Freund:innen sind aber lieb genug, zumindest meine Begeisterung oberflächlich zu teilen. dank euch dafür! Aber trotzdem bin ich ziemlich liebenswert, find ich und ich glaube, schon im Schnitt verhältnismäßig gemocht und bin eine recht oke Freundin. Ich bemüh mich.

Aber Menschen strengen mich auch an, unabhängig von ihrem Charakter, und ich weiß nicht mal, warum. Es wurde von Psychologenseite gemutmaßt, dass meine Panik damit zusammenhängt. Dass mich das Sozialsein, so gut ich es auch kann, auch viel Kraft kostet (etvl. GERADE, weil ich es gut kann). Ich empfinde Gäste meistens als Anstrengung, speziell Gäste, die zu einem Anlass da sind. Da können die nichts für und da können die auch nichts dran tun.

Und darum habe ich an meinem Geburtstag frei. Ich arbeite manchmal, je nachdem, wie ich Lust habe. Aber Arbeit ist für mich auch keine Pflicht. Außerdem ist es Samstag und da habe ich oft schon mein Arbeitspensum erfüllt. Ich lade keine Freunde ein (egal ob Corona oder nicht), versuche irgendwie die Eltern zu überzeugen, dass entweder Alltag ist oder dass sie doch gern mal eine Radtour machen sollen und vergammel dann den ganzen Tag.

Ich hab ja schon mal geschrieben, dass ich mir glaube ich ganz gut erarbeitet habe, dass mein Umfeld es nicht irgendwie persönlich nimmt, wenn ich Zeit für mich brauche. Aber am Geburtstag gilt das irgendwie ganz besonders. Am Geburtstag darf man sich was wünschen, der Geburtstag ist immer DEIN TAG. Und wenn ich mir wünsche, dass ich alleine sein darf, dann sagen alle “Wenn es das ist, was du dir gern wünscht, kein Problem (Geil, kein Geschenke-Stress!)”

Und nachdem ich nun lang erklärt habe, warum ich mir rausnehme, niemanden an meinem Geburtstag sehen zu wollen: Ich krieg Besuch. Aber das ist Herrenbesuch, der so regelmäßig ist, dass ich mich nicht mehr als Gastgeberin fühle. Ich wiederhole mich: Keine Verpflichtung, aus meinem Geburtstag “MEIN GEBURTSTAG!!!” zu machen. Rumhängen, Filme gucken, mehr rumhängen.

Außerdem werd ich vermutlich bekocht. Als ob es mein Geburtstag wär!

Juli 3

Corona – Forever at home

(Soft) Lockdown.

Ich bin seit einiger Zeit wahnsinnig viel zu Hause. Ich treffe natürlich auch mal Freunde, aber das passiert wirklich nicht häufig. Hobbies in Gruppen wie z.B. Chor, Yoga oder ein Sprachkurs habeich schon lange nicht mehr betrieben. Ich bleibe lieber zu Hause. Naja, ich gehe natürlich raus, aber dann eher irgendwo, wo keine Leute sind, aufs Feld mit meinem Hund zum Beispiel. Klar, treffe ich auch mal zufällig eine:n Nachbar:in und quatsche ein bisschen. Aber ich möchte mich da nicht lange aufhalten und gehe dann auch zügig weiter (oder gehe direkt irgendwo hin, wo ich weiß, dass da niemand ist).

Einkaufen muss ich natürlich, aber ich teile es mir ein. Ich gehe meist nur einmal die Woche in den Supermarkt. Extras oder kurzfristige Bedürfnisse müssen ja nicht unbedingt befriedigt werden; wenn ich es wirklich will, kann das auch bis zum nächsten Einkauf warten, aber ich muss nicht wegen zwei Teilen in den Supermarkt. Wenn ich im Supermarkt bin, verbringe ich meine Zeit nicht mit bummeln oder Sortiment begutachten. Ich weiß, was ich mag und was ich für gewöhnlich brauche und will mich da nicht länger aufhalten als nötig. Wenn die Schlange an der Kasse lang ist, speziell, wenn vor UND hinter mir Leute stehen, wird mir schon manchmal ein bisschen mulmig.

Shopping für Luxus beschränke ich auch nur auf das Nötigste. Wenn ich mal in die Innenstadt muss, dann kann es aber durchaus passieren, dass ich mehr Läden ansteuer als ich geplant habe. Wenn ich erst mal da bin, vergesse ich manchmal den aktuellen Zustand und dann fühlt es sich ok an, ein bisschen zu schlendern. Aber ich würde nicht losfahren, nur um ein bisschen zu gucken, was es so gibt. Das ist ein unnötiges Risiko. Und natürlich setze ich mich auch nicht in ein Café, um eine Pause zu machen. Da werde ich unruhig und beobachte meine Umgebung zu genau. Für Essengehen gilt das gleiche, vielleicht noch mehr, weil das meist eher drinnen stattfindet.

Menschenansammlungen — forget it. Die werden aus offensichtlichen Gründen natürlich fast komplett gemieden. Überhaupt vermeide ich zu nahen Kontakt mit Menschen. Ein Lächeln sieht man eh besser mit ein bisschen Abstand als direkt Gesicht an Gesicht.

Im Wartezimmer bei Ärzt:innen hoffe ich, dass die Terminplanung effektiv war, damit ich nicht zu lange Zeit in diesem kleinen, oft schlecht belüfteten Raum verbringen muss. Und ich möchte nicht so gern an Orte/in Gebäude gehen, die ich nicht kenne und wo ich nicht weiß, wie die baulichen Gegebenheiten sein werden.

Glücklicherweise kann ich von zuhause ausarbeiten. Ich muss nicht in den Berufsverkehr und in ein Büro/Schulklasse/Laden, in dem ich Kontakt mit jeder Menge Menschen habe. Zuhause habe ich meinen Schutzraum, da bin ich sicher und kann mich auf meine Arbeit konzentrieren.

Viele von uns leben gerade so. Durch Corona ist ganz viel an Sozialleben zum Stillstand gekommen (Duh-Doy!). Nur: Mein Leben ist schon ewig so und nicht erst seit Corona. Und ich genieße dieses Leben total.

Aber der Lifestyle war dennoch nie so 100% selbst ausgesucht, auch wenn ich mich gut eingelebt habe. Und Anderssein, das man sich nicht selber aussucht, ist immer ein bisschen ausgrenzender als bewusstes Anderssein. Wer meinen Kleidungsstil kennt, weiß, was ich meine. Was ich es mir selber aussuche, dann trage ich das mit Stolz. Mit (Selbst-)Bewusstsein. Wenn ich da rein geraten bin, egal wie glücklich ich bin, ist Anderssein immer ein bisschen unkomfortabel, vielleicht auch ausgrenzend.

Und auf einmal leben alle so wie ich. Auf einmal sind alle so “normal” wie ich. Und auf einmal bemerke ich, wie es so ist, wenn man ein normales Leben führt, das sich mit dem von vielen anderen vergleichen lässt. Und, dass gar nicht alle in diesem normalen Leben so happy sind wie ich. Dann merke ich noch mal extra, was für ein Glück ich habe. Und manche andere Leute merken auch, was für ein Glück sie haben könnten. Es gibt Menschen, die sich gerade wohler fühlen als in ihrem “alten” Leben. Und zwar nicht nur die, die psychische Krankheiten haben, die sich speziell auf’s Sozialleben auswirken. Es gibt nämlich viele, die das gerade so fühlen wie ich. Aber auch die, die nicht krank sind, die vorher einen ganz normalen 9 to 5 Alltag hatten oder was auch immer man normal nennt. Und die dieser Zeit irgendwie etwas Gutes abgewinnen können. Manchmal kombiniert mit dem Scheiß-Gefühl, dass sie bald wieder zurück müssen in ihr “Vorher”.

Ich komm jetzt keinem mit “Krise als Chance”-Bullshit. Ich glaub ziemlich fest, dass nach Corona quasi alles wieder sein wird wie vorher. Ein lebenslanger Alltag lässt sich nicht durch ein paar Monate ändern, jedenfalls nicht für die Allermeisten.

Ich freu mich nur, dass endlich mal kurz alle so normal wie ich waren.

Juli 3

Das offene Buch

Ich hab echt Glück gehabt mit meiner Handhabung der Krankheit gegenüber anderen Personen. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, bin ich von Anfang an sehr offen gewesen, was meine “Einschränkung” angeht. Beim ersten Mal Angst vor der Angst hab ich schon eine wildfremde Person im Zug zugequatscht, dass ich die Fahrt heute schon mal versucht hatte und das da abbrechen musste und ich mich jetzt irgendwie ängstlich fühle. Das diente mir damals der Ablenkung, aber heutzutage ist das halb Reflex und halb System.

Weil ich jetzt schon fast eine Woche durchhalte, werd ich das hier wohl auf meinen sozialen Kanälen posten, was bedeutet, dass ich es auch Freunden/Bekannten zugänglich mache.* Die Entscheidung fühlt sich stressig an. Ich habe persönlich das Gefühl, dass Ambition Angriffsfläche bietet. Was ich hier mache dient keinem Ziel, bringt nichts, ist weder effektiv noch produktiv. Das weiß ich, aber für mich ist das nicht so wichtig. Aber sobald ich das anderen präsentiere, krieg ich das Gefühl, es wäre wichtig. Ich habe das Gefühl, ich werde daran gemessen, was ich Sinnvolles mache. Es hilft auch nicht gerade, dass Menschen, die mich kennen, wissen, wie oft ich Feuer und Flamme für eine Idee bin und das nach 3 Wochen schon wieder versandet ist. Scanner-Persönlichkeit vielleicht. Mittlerweile rechne ich schon mit ein, dass meine Begeisterung nicht lange anhält. Naja, das macht es verständlicherweise Bekannten noch schwerer, da eine Ernsthaftigkeit zu sehen. Kein Problem, ich weiß es ja selber nicht.

Nachdem ich das alles gesagt habe: Ich fühl mich überhaupt nicht unsicher, was den Inhalt angeht. Alle meine Freunde wissen von den Besonderheiten. Und die meisten, die mich gröber kennen, haben davon auch schon gehört — wenn man auf dem Land wohnt eh doppelt.

Ich weiß, dass viele, vielleicht die Mehrheit von Menschen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind oder waren, nicht darüber sprechen. Zum einen ist das natürlich eine sehr persönliche Angelegenheit, wie körperliche Krankheiten ja auch. Bei Krankheiten generell, eigentlich universal bei Problemen, ist es nicht so angesehen, darüber zu sprechen. Kein Wunder, man läuft da schnell Gefahr, vom Beschreiben ins Jammern zu verfallen. Und das zieht dann den Gesprächspartner mit runter, da hab ich auch lieber jemanden, der:die eine lustige Story erzählt.

Man hat ganz simpel auch Nachteile, zum Beispiel im finanziell (Beruf, Versicherungen). Das kann in kleinen Städten oder Branchen dann schon ausschlaggebend sein. Nachvollziehbar, dass man das für sich behält. Sozial gesehen gibt es viele Leute, die dann mehr ÜBER als MIT Betroffenen reden. Aber gerade Letzteres finde ich total überschätzt. Ich meine, ich weiß ja nicht, ob und wie viel Leute über mich reden. Und ich bin mir sicher, dass solche, die mich nur grob kennen auch sicher mehr Falsches als Richtiges über meinen Zustand reden — alleine, dass ich hier schreibe, dass überhaupt jemand drüber redet, kommt mir wahnsinnig arrogant vor. Aber ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand im direkten Gespräch mit mir richtig scheiße reagiert hätte. Die mehrheitlichen Reaktionen teilen sich in zwei Richtungen:

1. Leute, die das total interessant finden und auch interessierte, gute Nachfragen stellen.

2. Leute, die das schon von sich selber/Verwandten/Bekannten kennen, zwar nicht genauso, aber das Konzept ist dann nicht neu.

Manchmal droht so ein Gespräch ins Negative zu rutschen, ins Mitgefühlige. Das mag ich nicht, weil ich ja gar nicht unglücklich bin. Ich lebe nur einfach anders, aber das tun ja viele und das bedeutet nicht, dass ein Lebensentwurf automatisch glücklicher macht als der andere.

Wenn ich z.B. jemand Neues irgendwo kennen lerne (oder mit jemandem spreche, der:die mich nur oberflächlich kennt) und das Thema kommt z.B. auf Urlaubsziele, dann sag ich offen, dass ich nicht reise, anstatt zu versuchen, das zu umschiffen. Wenn dann der Grund dafür Gegenstand des Gesprächs wird, ok, aber ich forciere jetzt nicht, dass ich dann nur drüber reden will, was ich alles nicht kann. Wie es sich halt entwickelt. Beim Online-Dating mach ich es etwas anders, aber dazu mach ich demnächst mal einen eigenen Beitrag.

Ich hab das nicht bewusst so entschieden. Ich glaube, mein Charakter ist einfach so, dass ich relativ offen mit Menschen quatschen kann. Vermutlich, weil ich so herrlich vertrauensselig bin und immer erst mal denke, Menschen wollen mir nur das Beste. Übrigens damit sehr selten auf die Fresse gefallen, sehr empfehlenswert. Also die Anlagen dafür sind da. Und dann habe ich halt so positive Erfahrungen gemacht, wie beschrieben. Die sind so super. Ob die dann wann anders drüber Lachen oder drüber reden, wie sehr ich mich anstelle? Ich glaube nicht und wenn, dann weiß ich es ja nicht sondern denk weiterhin, das sind freundliche, offene Menschen. Und ich mag es, so über die Leute zu denken.

Und noch ein anderer Effekt: Es nimmt mir wahnsinnig den Druck. Beispiel Dorfschützenfest. Wenn ich den Leuten einfach sagen kann “Du, könnte ich vielleicht am Rand sitzen, da fühl ich mich besser, falls ich mal schnell raus muss” ist das natürlich auch einfach viel entspanner. Ich muss mich nicht zusammenreißen, weil ich mir nichts anmerken lassen darf, sondern ich kann mir mein Sicherheitsnetz so aufspannen, wie ich es brauche.

Falls also wirklich jemand liest, der:die mich kennt und bis hierhin gekommen ist und wir schon mal in irgendeiner Weise panikmäßig interagiert haben:

Danke für deine gute Reaktion.

*Falls wir uns kennen: Ja, ich mach das jetzt. Don’t judge me.

Juli 3

Vermeidung

Das klingt ja erst mal ein bisschen nach einem Krimi von Jussi Adler-Olsen. Im echten Leben ist Vermeidung aber sehr viel unspektakulärer:

Man geht einfach nicht hin.

Vermeidung ist das Schlechteste, was man machen kann, wenn man Panikattacken hat (und sie loswerden will). Das ist wie das uralte Beispiel mit dem vom-Pferd-fallen und wieder-aufsteigen. Die Tatsache, dass es alt ist, sagt aber nichts über die Korrektness aus. Es stimmt nämlich.

Wie immer kann man nicht generalisieren. Es gibt sicher Leute, bei deinen wird Konfrontation alles irgendwie schlimmer machen. Aber das sind sehr, sehr wenige. Ich weiß, dass viele sich so fühlen, als würden sie zu dieser Minderheit gehören, aber das ist meist nicht so.

Ich war nie gut in Konfrontation. Ich kriege diese Überwindung nicht hin, wenn ich keinen Grund habe. Also ich meine einen kurzfristigen Grund. “Gesund” werden wäre ein guter Grund, aber der ist so weit weg wie eine mögliche schlimme Erkrankung weit weg und unwahrscheinlich scheint, wenn man raucht.

Ein kurzfristiger Grund ist, wenn ich etwas wirklich will und mich deshalb dann dazu überwinden muss. Aber dann ist es auch nicht wirklich Training, weil es ja meist eher was einmaliges ist. Ich hab mal einige Zeit einen Yoga-Kurs und auch mal einen Arabisch-Kurs bei der VHS gemacht. Das war am Anfang leichter, weil es da noch so etwas Besonderes war, etwas, wofür es sich lohnt, sich anzustrengen. Aber je unbesonderer es wurde, desto geringer wurde dann auch meine Motivation, das Lampenfieber* jedes mal auszuhalten. Und ja, es war leichter als am Anfang, aber es war meist immernoch nicht so leicht wie für andere.

Ich hab auch mal einen Aufgaben-Adventskalender gemacht. Da habe ich mir aufgaben aufgeschrieben, aber größtenteils sehr kleine, wie z.B. in eine Shopping Mall gehen, die ich der Ungewohnheit wegen eher vermeide oder etwas größeres z.B. war ins Kino gehen. Und die wirkliche Herausforderung, unabhängig von dem, was an dem Tag auf dem Zettel stand, war, dass ich das dann an dem Tag machen musste. Dass ich mir morgens eine Verpflichtung gegeben habe, die ich teilweise den ganzen Tag mit mir rumschleppen musste, weil eben um 10 Uhr morgens kein Film im Kleinstadtkino läuft. Und ja, ich hab mich jedes Mal danach gut gefühlt und dann am 24. noch mal doppelt so gut, weil ich das alles gemacht habe.

Und trotzdem bin ich persönlich ein Fan von Vermeiden.

Ich hab mich so eingelebt in mein Leben mit der Panik und habe mir so drumherum Nischen gesucht und gefunden, dass ich mich nicht mehr herausfordern muss. Ich habe durch meine Vermeidung so selten Lampenfieber und noch seltener Panikattacken (wobei die meist, wenn, dann aus dem Nichts und anlasslos kommen, gerne auch mal Nachts) und so ein angenehmes Leben, dass ich die wenigen Male, wenn ich entweder was machen MUSS aus einem externen Grund, oder wenn ich etwas wirklich wirklich will aus mir selbst heraus, ich das Lampenfieber auch aushalten kann und ok wird’s dann ja eh.

Ich muss halt nicht mehr daran arbeiten, dass es mir “besser” geht, weil es mir schon so wahnsinnig gut geht. Rückblickend wäre das meiste, was ich jetzt habe anders oder weniger, wenn ich nie Panik gehabt hätte. Ich hätte eindeutig weniger Zeit und weniger Ruhe für mich. Spekulativ, aber so wie mein Charakter jetzt ist, würde das vermutlich auch heißen, dass ich weniger emotionales Gleichgewicht hätte, weil ich so wahnsinnig viel Ruhe brauche. Finanziell weiß ich es nicht. Ich würde natürlich viel mehr Geld verdienen als Lehrerin, aber ich würde ja auch viel mehr machen, reisen, essen gehen, socializen… Vielleicht hätte ich mit so einem kerzengeraden Lebenslauf auch einen sehr “üblichen” privaten Weg eingeschlagen und Mann und Kinder — finanziell wieder ein Loch ohne Boden (und da denk ich dann noch nicht mal an Rente) — und wäre vielleicht unzufrieden ohne zu wissen, was mir fehlt, weil ich die Alternative (=kein Ehemann und Kinder) nie erwägt hätte. Keine Ahnung, etwas weit her geholt, diese Butterfly Effect-Gedanken.

Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich trotz dieses “Makels” viel mehr angekommen bin als so manche andere Leute, die alles machen können. Vielleicht weil: wer alles machen kann, der will auch alles/mehr machen. Ich bin heut mit dem Auto gefahren (entspannt.), während es geregnet hat (hübsch!) und habe dabei Charles Aznavour (wunderschön!!) gehört und besser konnte mein Tag in dem Moment nicht sein. Warum soll ich dann noch irgendwo hin können wollen, wenn es HIER doch perfekt ist. Wie auf dem Foto.

*siehe Blogeintrag “Lampenfieber wegen Bankberaterin”

Juli 3

Looking back over my shoulder

Ich hab ja gesagt, ich schreibe vielleicht was drüber, wie es bei der Bank lief. Ich kann aber gar nicht viel drüber schreiben. Und darum ist es vielleicht wichtig, drüber zu schreiben.

Von dem, was ich gestern so antizipiert habe, ist NICHTS eingetreten. Es war vielleicht ganz gut, dass ich mir vorher nicht hab sagen lassen, dass wir nach der Bank noch VIER Läden anfahren werden.

Ich hab vorher noch einen halben Notausgang angeboten bekommen, indem mein Vater ergebnisoffen(!) fragte, ob ich alleine fahren will oder mit ihm. Aber ich fühlte mich gut und ich bin dann mitgefahren.

Ich weiß nicht, ob das Bloggen drüber gestern einen positiven Effekt hatte. Ich weiß aber, dass es keinen negativen Effekt hatte. Mein Lampenfieber war echt nur minimal. Vielleicht lags am Runterschreiben, vielleicht lags am Meditieren (Ziel für Juni: Jeden Tag meditieren), vielleicht einfach n guter Tag. Aber ich hab mich schon zuhause nicht halb so blöd gefühlt wie die Woche vorher. Vielleicht Gewöhnung.

Bei dem Termin selber war’s easy. Es hilft, dass es ein Thema war, das mich ehrlich interessiert. Das einzige, was mich etwas nervös machte, war der Smalltalk bevor es in medias res ging. Aber ich glaube, das ist panikunabhängig. Da bin ich dann vielleicht doch vielleicht irgendwie zielstrebig oder so, aber ich find Corona als Smalltalkthema auch einfach noch unerträglicher als Wetter oder “wie es früher war” — das ist einfach so voll von Floskeln und der Weg zum Jammern ist noch kürzer als bei anderen Themen. Aber als es dann los ging, ging es mir super.

Und danach hat vermutlich einfach die Euphorie eingesetzt und dann bin ich nicht nur bereitwillig sondern auch mit Freude quer durch die Stadt gefahren zu Sonderposten- und Supermärkten. Es war sogar Spaß, so oft macht man ja solchen Krams nicht mit den Eltern und “alte” Leute (die lesen das hier nicht, darum kann ich das sagen) sind so herrlich quirky in der Öffentlichkeit 🙂

Themen Wärme/Hitze(ja, ich weiß, wird alles noch viel wärmer) und Warten noch: Ich hab mich bei zwei der Läden sogar entschieden, im Auto zu bleiben, weil mir das in den Läden selber zu voll und rummelig war und ich selber ja gar nichts brauchte. Und Warten an sich ist ja normalerweise schon ganz schlimm, warten in der Sonne noch mehr. Aber gestern war es alles ok. Rumgesessen, am Handy rumgefummelt, beim letzten Supermarkt schön barfuß im Kofferraum gesessen mit’ner Getränkedose — ich würd sagen, näher dran komm ich an Festivalsaison auch ohne Corona-Absagen nicht.

Voll gut, das gemacht zu haben, aber das Gefühl kennen alle Panikleser:innen ja eh. Und auch eigentlich alle mit Lampenfieber. Wie oft verkackt man es dann schon wirklich auf der Bühne (und zwar so, dass man sich wünscht, auf’s Lampenfieber gehört zu haben)?

Jetzt geht es joggen (=einen km locker traben zu einer Rasenfläche auf der es Löwenzahn gibt, dann wieder zurück und sich dann freuen, dass man SPORT gemacht hat).