Jetzt geht es doch so los, das übliche Beschreiben, was die nervigen Alltagsdinge eines:r Paniker:in sind. Da haben die guten Vorsätze ja lange gehalten. Ich versuche mal, nicht zu viel zu murren, weil ich mich ja auch selber nicht zu sehr reinziehen will. Ich bin ja eh schon drin.

Und wir machen jetzt einfach mal aus der Not eine Tugend: Anhand der heutigen Gefühle kann ich quasi als Einführung mal ganz gut beschreiben, woraus eigentlich meine Panik besteht bzw was sie anspitzt. Das ist ja bei jedem:r sehr unterschiedlich.

Also heute explizit: Triggerwarnung für Betroffene. Heut gehe ich ein bisschen ins Gefühlsdetail. Das wird gerade für Leute, die das nicht kennen, zum Teil mit Sicherheit ordentlich absurd, aber da müssen wir heute durch.

Folgendes: Ich muss heute mit meinem Vater zur Bank. Da ist es schon, das Wort “muss”. Man muss natürlich gar nichts. Doppelt nicht, ich habe keinen Termin abgemacht und ich habe auch keine Geschäfte zu regeln. Ich habe einfach im Bereich Börse etwas mehr Ahnung als mein Vater (über Panikstörung und was das für Finanzen bedeutet, evtl auch Chancen, die sich darin finden, will ich irgendwann auch noch unbedingt mal schreiben, aber nicht heute) und er wünscht sich Unterstützung. Und ich will ihn unterstützen, außerdem lerne ich gerade noch wahnsinnig viel dazu, da kann es spannend sein, was so ein Fondsmanager aufsetzen würde.* Und ich “muss” schon irgendwie, weil ihm das hilft und er schon allein generationsbedingt Probleme hätte, zu verstehen, warum ich nicht mit wollen würde. Oder positiv formuliert: Instinktiv weiß er, dass Panik konfrontiert werden muss, wenn sie weggehen soll. Aber in erster Linie müsste ich mich halt für etwas erklären, was ja dann doch irgendwie unangenehm ist. “Ich habe Angst, in eine Bank zu gehen” klingt scheiße und wenn ich alles erklären würde, was ich im Folgenden schreibe, dann würde das als Quatsch weggewischt -man ist auf dem Land eher pragmatisch als emotional- und das fühlt sich ja auch nicht schön an.

Aber ich möchte da nicht hingehen heute.

Ich bin aufgewacht und hab ein bisschen Twitter-Feed gelesen, sowas ist dann ja schon der erste Fehler. Da drohen gefährliche Augenausrutscher. Zum Beispiel, dass heute der heißeste Tag des Jahres bisher wird, über 30 °C. Dumm gelaufen. Hitze ist für mich schwierig, weil meine Angst ist, dass mir mein Kreislauf irgendwie abschmiert und ich ohnmächtig werde. Und wo werden gefühlt viele Menschen ohnmächtig? Bei Hitze. Also trinken, trinken, trinken.

Was uns auch zum nächsten Punkt bringt: Gesichtsmaske. Ich bin ein riesen Fan. Ich bin inhaltlich überzeugt, persönlich habe ich selten Probleme dadurch und im Gegenteil fühle ich mich irgendwie total wohl, wenn alle um mich rum auch eine tragen. Irgendwie gibt mir das so ein “Wir sind alle in der selben Scheiße”-Gefühl, das mich glücklich macht. Aber ich kann ja nicht einfach so trinken. Ok, ich schrieb vorher, dass es für Leute, die es nicht kennen, absurd werden könnte, aber jetzt wird es das grad auch für mich, wenn ich das so runterschreibe. Also, wenn ich im Raum in der Bank trinken will, muss ich die Maske runter nehmen. Aber das wäre ja echt nicht höflich der Bankberaterin gegenüber. Im besten Fall findet die nur mich scheiße, im schlechtesten Fall sorgt die sich dann um sich selbst. Das ist ja auch nicht die Wahrheit, im besten Fall ist ihr das total egal, weil es nur um Sekunden geht. Aber so funktioniert ja Eskalationsdenken nicht.

Blick durch ein Gitter auf eine grüne Rasenfläche

Ach ja, das Gebäude. Die Bank ist in der Innenstadt. Ich wohne in einem Dorf anhängend an eine Kleinstadt, 35.000 Einwohner mit Dörfern. Also es ist niemals VOLL, jetzt sowieso nicht. Trotzdem fühle ich mich tendenziell unwohler, wenn ich in die Innenstadt muss, als wenn ich Geschäfte am Stadtrand zu erledigen habe. Also ich muss heute in ein Gebäude, in das ich vielleicht einmal im halben Jahr gehe zum schnell-Geld-abheben. Und in diesem Gebäude muss ich noch mal in einen kleineren Raum. Meine Panik ist nicht direkt gekoppelt an Raumgröße, aber eben an das Gefühl, nicht weg zu können, wann ich möchte. Und das wird einem naturgemäß oft bewusster, wenn die Wände nah sind.

Stichwort “Ich kann nicht weg, wann ich will”. Das letzte Mal hatte ich Glück, dass mein Vater mit dem Rad fahren wollte und ich bin mit dem Auto gefahren. Dieses mal fahren wir zusammen. Das heißt, wenn ich wirklich raus müsste, weil es zu viel wird, bin ich nicht nur für mich verantwortlich, sondern ziehe eine weitere Person da rein, die mit muss. Also streng ich mich an, dass ich da bleiben will und mich nicht überrennen lasse vom Impuls, wegzumüssen. Und Anstrengung ist schlecht. Da wird der Druck unter’m Topfeckel größer. Es hilft dann auch so gar nicht, dass er mitfahren will, weil er noch andere Dinge erledigen will, also in andere Geschäfte rein, noch länger weg vom “sicheren” Zuhause, wo alles gut ist. Und noch mehr Pläne von denen ich vorher weiß. Pläne sind für mich immer schlecht. Kurzfristigkeit ist gut, weil dann ist keine Zeit, das alles zu denken, was ich hier aufschreibe.

Aber wir sind ja noch lange nicht in der Hitze oder in der Innenstadt oder in dem Raum oder an anderen Orten, wo Vater noch was erledigen will. Erst mal heißt es warten. Wenn ich Dinge tun “muss”, dann mach ich sie gern so früh wie möglich. Denn das Warten ist meistens meine eigentliche Panikattacke. Alles, was ich beschrieben habe, wird kein Problem mehr sein, wenn ich mittendrin bin. Zumindest ist es höchst selten, dass irgendwas davon eintritt, was ich mir vorher ausmale. Darum sagte ich schon im anderen Blogeintrag: Ich habe selten echte Panikattacken. Ich vermeide die ja, wo es geht. Mir fällt gerade auf, dass ich gar keinen Namen habe für das, was ich habe. Ich bin einfach vom Aufstehen bis um 14:50 Uhr on edge. Wie Lampenfieber. Vielleicht nenne ich es Lampenfieber. Vielleicht beschreibt es das am besten und vielleicht können das dann mehr Menschen nachvollziehen. (Überschrift fix angepasst)

Also geh ich da auch nachher hin und jetzt kommen wir zum positiven Part: Ich weiß schon und ich freu mich drauf, wie ich mich hinterher fühlen werde. Ich werd dann richtig was geschafft haben und sagen “Klar, nächste Mal komm ich easy wieder mit!” So war es letzte Woche beim ersten Termin und so wird es jetzt auch wieder sein. So ist es immer, wenn man nach der ganzen Lampenfieberzeit endlich auf die Bühne darf.

Vielleicht werde ich morgen mal ein Fazit ziehen, ob das Schreiben geholfen hat oder es nur schlimmer gemacht hat. Ich tendiere zu “geholfen” aber vielleicht eher, weil ich damit schon was für heute geschafft habe und ich da einen kleinen Vorschuss auf das Gefühl bekommen habe, dass ich heute Nachmittag nach dem ganzen Bums haben werde.

Und morgen kommt dann auch das, was ich mir vorgenommen habe: Mehr darüber zu schreiben, was alles ok im Leben mit Angststörung ist. War heute nur doofes Timing, aber wäre auch Quatsch, gerade darüber nicht zu schreiben, wenn es schon einmal in 30 Tagen (oder so) auftaucht.

*Bevor einer was sagt: Wir werden da höchstwahrscheinlich nichts abschließen, weil ich Vater schon zu 80% überzeugen konnte, dass ich das gleiche kann wie ein Fondsmanager — nur viel billiger. Aber für die restlichen 20% brauche ich ja erst mal sein Angebot, damit ich es dann vorrechnen kann.

Von Tiffi

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