Also als allererstes, damit wir das aus dem Weg haben: Fuck Nazis. Big time.

Nachdem das Offensichtliche geklärt ist, kommen wir zum heutigen Thema. Ich bin bei dem beliebte Hassredemedium Facebook in einer Gruppe, in der sich Menschen austauschen, die unter Angststörungen, Depressionen, Borderline und ähnlichen psychischen Krankheiten leiden. Und der Umgangston da ist für gewöhnlich sehr gut. Es gibt eine meist recht angenehme Diskussionkultur, was beeindruckend ist, wenn man bedenkt, dass wir da größtenteils alle n ganz ordentliches Paket mit uns rumtragen. Und klar fällt es den Teilnehmer:innen oft schwer, Dinge positiv zu sehen. Das bringen ja schon einige der Krankheiten als Symptome mit sich, wenn es noch nicht mal darum geht, wie man als psychisch Kranke:r in der Gesellschaft manchmal hinten rüber fällt. Das kommt dann noch obendrauf.

Das heißt aber nicht, dass mir alles gefällt, was da geschrieben wird.

Eins der wiederkehrenden Themen, die mir besonders missfallen, ist die Suche nach Gründen und Schuldigen. Und ich meine damit nicht Ursachenforschung. Sondern eher, wenn es darum geht, dass beim Status Quo, da wo man jetzt aktuell steht, gerade was scheiße läuft und irgendwer Schuld daran haben muss.

Naturgemäß ist es in dieser Gruppe ganz oft so, dass man sich selber beschuldigt, sich selber fertig macht. Das wird übrigens Vol 2. Das ist aber nicht so toxisch, weil die meisten Kommentare nicht in die gleiche Kerbe schlagen.

Oft sind aber auch andere Schuld und zwar dann meistens kollektiv.

Ich kann nachvollziehen, dass es sich so anfühlt, als hätten sich alle verschworen, wenn man scheiß Erfahrungen macht. Psychisch kranke Menschen haben oft weniger Energie übrig für zwischenmenschliche Feinheiten, das schließt das Abscannen von Leuten mit ein, und das lockt toxische Menschen an. Menschen, die spüren, dass sie da jemanden vor sich haben, der:die weniger Energie hat, um z.B. Grenzen zu setzen. Total verständlich, dass man vorsichtig wird, wenn man oft an solche geraten ist. Und von Institutionen, die sich passiv und aktiv als null hilfreich erweisen, fang ich gar nicht erst an.

Was ich nicht akzeptieren kann, ist, wenn man sich dem ergibt und sich drin wälzt. Wenn man davon ausgeht, dass alle anderem einem Böses wollen werden. Dass allen Menschen als zukünftigen Partnern(m/f/d) nicht mehr zu trauen ist, weil der:die letzte Partner:in einen verlassen und belogen hat. Das Gleiche bei der Geschichte, dass “heutzutage”™ Menschen “einen nicht mehr nehmen wie man ist”™. Dass dann so viele Betroffene nicht sehen, dass es NATÜRLICH auch eine Aufgabe ist, mit einem:r psychisch Kranken zusammen/befreundet zu sein und dass man Partner:innen/Freund:innen zugestehen muss, sich selbst schützen zu dürfen, um nicht im übertragenen Sinne co-abhängig zu werden.

Mein größtes Problem dabei ist, dass es dann in den Kommentaren so viel Zustimmung gibt. Ich glaube, viele machen das, um der Person ein gutes Gefühl zu geben. Dass sie sich verstanden fühlt, sie soll nicht wieder auf Konflikt stoßen, sondern sich einfach mal “ausheulen” können. Dass das langfristig natürlich genau nicht gut für die Person (und auch sich selber ist), dass das ein Menschenbild festigt, das nur noch von Mistrauen geprägt ist, was halt nicht nur die Sozialkontakte beeinflust sondern auch ganz simpel die Everyday-Stimmung – denken die Zustimmer nicht dran. Naja und natürlich empfinden es auch einige der Zustimmer einfach genauso. Und so vergewissert man sich gegenseitig, dass die Welt doch schlecht sei und eine Gruppe ganz besonders.

Der Auslöser, weshalb ich dieses schreibe:

Aktuell hat eine Benutzerin ihre Vergewaltigungsgeschichte geteilt. Der Schwerpunkt des Posts und auch einiger ihrer Antworten in der Diskussion liegt nicht auf der Ebene, wie es jetzt psychologisch weiter geht, sondern ganz klar auf den Tätern. Die sind ausländisch, das wird betont und “man hat ihr gesagt, dass man sie darum nicht verurteilen darf” (verurteilen im juristischen Sinne gemeint).

Es macht mich ärgerlich, wie dankbar diese Vorlage aufgenommen wird. Ich finde es traurig, dass in einer Gruppe, in der sich Leute zusammen finden, die in der Gesellschaft oft benachteiligt werden aufgrund eines Faktors für den sie nichts können, dass genau diese jetzt so darin wiederfinden, eine komplette Gruppe zu verurteilen, die noch weniger privilegiert sind als sie selber. Die sich noch weniger wehren können und die noch weniger an ihrem Zustand (=nicht”deutsch” aussehen) ändern können als wir.

Besonders ironisch kommt es mir da vor, dass ich in den Entwürfen hier schon einen Beitrag liegen habe, der sich damit auseinandersetzt, ob psychisch Kranke eher zu Verschwörungen neigen (bei denen es ja darum geht, dass es ein klares Feindbild gibt, das für den ganzen Scheiß verantwortlich ist), da man ja oft mal so daher sagt “xy sollte mal mit solchen Ansichten zum Therapeuten gehen”. Ich wollte darüber schreiben, dass psychische Krankheit nicht automatisch oder sogar nur vermehrt dazu führt, dass man so wird.

Und ich werd’s auch noch schreiben, denn ich bleib dabei. Ich will nämlich nicht anfangen, aufgrund eines Einzelfalls an einer ganzen Gruppe zu zweifeln (zu der ich zwar gehöre, aber das haben ja alle, die die Schuld bei anderen suchen gemeinsam: “Ich mein ja nicht alle, es gibt auch Ausnahmen.”), nur weil da grad welche wirklich bescheuert sind. Es macht nur einfach so müde.

Es ist einfach so vertrackt, dass Schuldige (als Gruppe) gesucht werden, wo es keine Schuldigen gibt. Weil niemand an einer psychischen Krankheit Schuld hat.* Und ich glaube, dass Dinge einfach passieren, das ist ganz schön schwer auszuhalten. Da wär ich dann wieder bei meinem Entwurf über Verschwörungserzählungen, der mal dringend fertig werden muss. Das ist einer der Hauptmotoren.

So, genug passiv gemeckert, jetzt wird auch noch an der Lösung gearbeitet: Wer sich, sei’s auch nur virtuell, ein bisschen mehr engagieren oder auch nur informieren will, ich hab ein paar Links:

Hass hilft – eine Organisation, die Hassrede mit Spenden begegnet (angefangen mit dem geilen “unfreiwilligsten Spendenmarsch der Welt” und nun Online-Spendenaktion bei Hasspostings)

Hassmelden – eine Webseite, denen man Hassposts mitteilen kann, damit die den Anzeigeprozess bei der Polizei übernehmen, wenn man ihn selbst scheut

BKA-Meldestelle – wenn man selber anzeigen möchte, hat das BKA eine extra Meldestelle für Hetze im Internet eingerichtet

Exit Deutschland – ein Verein, der Ex-Nazis hilft, aus der Szene auszusteigen (in der Facebook-Gruppe gabs natürlich auch ein paar dankbare Anheizer, die ich tatsächlich als Nazis bezeichnen würde, deshalb passt das mit rein)

Bundeszentrale für politische Bildung – die haben wahnsinnig viele Infos, Podcasts und vor allem Literatur für ganz kleines Geld, z.T. Gratismaterialien zu allen möglichen gesellschaftlichen Themen, eben auch denen, die mit Hasserzeugung zu tun haben

Und (eingeschränkt durch ihre schlechte Reaktion bei der zurecht kritisierten Aktion mit der Stehle mit Asche), wer es weniger pragmatisch-diplomatisch, aber dafür mit mehr Aufruhr mag: Werde Komplize beim Zentrum für politische Schönheit! Da gibt es auch eine Gratis-Ausstattung für Neu-Komplizen.

(von denen stammt auch der Leitspruch meines Titelbilds)

Und weil ich nie weiß, ob man stilistisch die wichtigste Aussage an den Beginn oder das Ende eines Aufsatzes packt:

Nazis raus. Fuck AfD.

*ausgenommen natürlich EINZELPERSONEN, die bei jemandem ein Trauma ausgelöst haben

Von Tiffi

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