Oktober 4

Conversations with Dead People

Zweifel Entscheidung

(Ok, hier geht es nicht um Tote, bei dem Überschriften-Brainstorming kam mir nur dieser Buffy-Episodentitel in den Kopf und wann immer ich Buffy einbringen kann, will ich das tun.)

Ich hab ja schon öfter (hier oder hier z.B.) über meine/unsere Probleme mit der Akzeptanz geschrieben. Dass da innerlich ein Hickhack passiert, der ermüdet. Aber vielleicht fällt es Außenstehenden schwer, sich darunter etwas vorzustellen; speziell wenn es um so simple Alltagsthemen geht, wie ins Kino zu gehen. Manchmal sogar vor dem Einkaufen btw.

Ladies, Gentlemen and everybody, we proudly (well, not so much) present

DER DIALOG

Mitwirkende: Mein Gehirn in verteilten Rollen

INNEN – WOHNZIMMER – VORMITTAG

ICH

(hochmotiviert)

“Ui, Birds of Prey* läuft. Soll ich heute Abend mal ins Kino gehen? Ich hätte Bock, den auf großer Leinwand zu sehen.”

“Naja, aber es wird da sehr dunkel sein und dann gehen die Türen zu und es wird laut, da könntest du eine Attacke kriegen.”

“Ok, dann lieber nicht.”

“Aber andererseits kannst du ja auch jederzeit raus, wenn es dir nicht gut geht.”

“Hm, stimmt auch wieder. Ja, dann geh ich.”

“Aber das ist ja schon noch ziemlich lange bis dahin, dann machst du dich ja schon auch verrückt und wenn es dann heute Abend so weit ist, ist die Chance größer, dass du eine Attacke kriegst.”

“Oh, stimmt, hab ich so noch gar nicht gesehen. Naja, lieber ein anderes Mal.”

“Aber du sagst ja schon ziemlich oft, dass du es lieber ein anderes Mal machst und dann verschiebst du es auf ‘Nie’, ne?”

“Hast Recht, eigentlich sollte ich das einfach mal durchziehen. Ich geh hin!”

“Wie fühlst du dich denn dabei, wenn du weißt, dass du da rein gehst und wenn du raus kommst, ist es draußen schon dunkel? Ich meine, das ist ja schon ein Zeichen dafür, dass das wirklich lange dauert, oder?

“Ja schon. Mal checken, wie lange der Film denn geht. 96 Minuten. Naja, anderthalb Stunden.”

“Du hast schon längere Filme geschafft.”

“Absolut richtig. Easy.”

“Aber man geht ja nicht rein und der Film fängt an. Man sollte ein bisschen früher da sein und dann gibt es Werbung, dann einige Filmvorschauen, dann noch mal Werbung und dann bist du schon eine halbe Stunde da und musst warten und du weißt, wie schlimm Warten für dich ist.”

“Ah fuck, ja, Warten mag ich echt überhaupt nicht! Wenn ich zuhause was gucke, dann muss ich nicht warten.”

“Stimmt. Aber dann bist du halt auch –mal wieder– zu hause geblieben, ne?”

“Richtig und ich hab mir ja vorgenommen, zumindest Sachen zu machen, auf die ich wirklich Bock habe. Vielleicht sollte ich mich doch überwinden.”

“Andererseits, Kino ist ja jetzt nicht sowas total Einmaliges, vielleicht solltest du dir diese Energie dann lieber sparen, für wenn mal ein Konzert ist, zu dem du wirklich hin willst.”

“Jo, so einmalig ist Kino nun wirklich nicht.”

“Verarscht! Heute hinzugehen kostet dich kein Stück Energie für das nächste Event! Wenn überhaupt ist es gutes Training!”

“Voll drauf reingefallen! Klar, jede Überwidnung ist Training!”

“Aber fühlst du dich fit genug? Ich meine, klar, trainieren ist wichtig, aber du solltest da schon körperlich gut drauf sein, damit das keine Niederlage wird und es beim nächsten Mal dann noch schwerer wird. Wie lange hast du geschlafen?”

“Hm, so knapp 6 Stunden? Das ist ja aber relativ normal für m..”

“Ah so wenig. Fühlst du dich denn wach?”

“Schon n bisschen müde, aber ich könnte ja vorher noch nickern.”

“Dann ist aber auch erst mal nach dem Aufwachen der Kreislauf wieder unten, ne?”

“Dann vielleicht joggen?”

“Wenn du dich zu sehr verausgabst, dann bist du zu kaputt um eine sich aufbauende Attacke angemessen zu bewältigen. Wie ist dein Herzschlag grad?”

“Gar nicht drüber nachgedacht. Warte, ich horch mal nach. Oh, jetzt wo du es sagst, spür ich ihn wirklich ganz schön deutlich.”

“Du weißt aber schon, dass in sich hineinhören und auf körperliche Signale horchen, ein sehr sicherer Weg ist, um eine Attacke zu bekommen, weil man IMMER irgendwas findet, wenn man nur nachschaut?”

“Ups!” (nimmt Hand vom Hals – Fun Fact: Die kleine Einbuchtung vorne am Hals ist mein persönlicher Nachfühlpunkt. Ich glaube, viele von uns haben so einen.)

“Also, wir sind uns einig, dass du auf jeden Fall hingehen solltest, ne?”

“…?”

Und so geht das dann den ganzen Tag. Las sich anstrengend? Ist es. Was jetzt nicht anstrengend war: Diesen Verlauf aufzuschreiben. Weil diese -“Einerseits…” -“Stimmt.” -“Aber andererseits…” -“Auch wieder wahr.”-Gedanken bei mir ganz automatisch fließen. Und eben weil das alles so anstrengend ist, ist es ja eigentlich auch total egal, wofür ich mich letztendlich entscheide. Hauptsache, ich entscheide mich, damit endlich Ruhe ist im Hirnkarton.

Irgendwie ist das ja nun auch nicht so ein spezielles Thema bei Paniker:innen, das kennt ja jede:r. Nur ist es vielleicht bei uns manchmal bei etwas elementareren Dingen.

Demnächst poste ich dann mal eine dazu passende Strategie, die mich schon des Öfteren ins Kino gebracht hat. Stay tuned!

*Birds of Prey hab ich übrigens gesehen. Im Kino. Zu zweit. “Mit einer Person ins Kino gehen” ist der Endgegner von “ins Kino gehen”. Noch mehr als “mit mehreren ins Kino gehen”.

September 22

Ich schaff das schon

Screenshot von Rolf Zuckowski auf YouTube

…ich schaff das ganz (von) alleine

In meinem letzten Post, der ja schon einige Zeit her ist, hab ich über meine schlechte Phase geschrieben. Jetzt kann ich verkünden: Es geht mir besser! Und was ich damit sagen will: Es wird besser. Immer.

Gerade Menschen, die schon lange unter einer (psychischen) Krankheit leiden, erkennen ja früher oder später Muster bei sich. Und ein super wichtiges Muster, dass ich bei mir erkannt habe:

Alles ist eine Sinuskurve.

Sowas zu erkennen ist generell hilfreich – aber besonders hilfreich, wenn man es hinkriegt, sich daran zu erinnern, wenn es einem schlecht geht.

Das Wissen, dass es zwar gerade anstrengend und manchmal auch schlimm ist, aber wieder besser wird, hilft sehr, zu akzeptieren. Und wie viele von uns Kranken wissen – und auch die Gesunden, die diese Seite regelmäßig verfolgen – ist Akzeptanz eine sehr starke Waffe gegen Panikattacken.

Akzeptanz hilft dabei, dass die Last abfällt, der Druck verschwindet und man wenigstens eine Sorge weniger hat. Erfahrungsgemäß ist Hadern, dieses Hin und Her, besonders kräftezehrend. Wenn ich zum Beispiel gerne irgendwo hin fahren möchte, dann fange ich oft an, innerlich mit mir zu diskutieren, anstatt mich einfach für das Entweder oder das Oder zu entscheiden (hab mich gerade dazu entschlossen, ein Beispiel dafür als eigenen Beitrag zu machen – hier wurde es gerade ausufernd lang 😀 ). Eine Entscheidung würde alles leichter machen, Gewissheit bringen, mich beruhigen, aber ich treffe sie über Stunden nicht.

Gleiches Konzept, gleiche Wirkung, größere Bedeutung. Denn ja, mir ging es nicht gut, als ich das letzte Mal schrieb. Und ich fand es übrigens rückblickend voll wichtig, darüber zu schreiben; alleine das hat mir schon geholfen, obwohl ich nun wirklich KEINE

Das Schreiben hilft mir, mich auszudrücken, tröstet mich, wenn ich traurig bin, nährt mich, wenn ich hungrig bin,…

Quelle: Jede:r Autor:in dauernd

…Person bin. Dafür bin ich zu pragmatisch, glaube ich. Aber einmal ausgesprochen, kann man es nicht mehr zurück nehmen.

Ja, I know, ich kann’s löschen, shut up.

Ich hab’s ausgesprochen und keine:r hat gelacht, mich ausgegrenzt, mich in Watte gepackt oder irgendwas. Die häufigste Reaktion war btw “Ja, ich auch grad irgendwie”. Und wenn man es einmal sagt, kann man es noch mal sagen. Auch persönlich, virtuell oder in echt. Und wieder: Akzeptanz. Aufatmen. Das hat ein bisschen geholfen.

Tee trinken

Was aber vermutlich am meisten geholfen hat*: Abwarten und nicht den Kopf verlieren. So sehr ich wusste, dass es mir gerade schlecht geht, so sehr wusste ich auch, dass das einfach manchmal passiert. Und dass es dann irgendwann auch wieder gut wird. Und das ist es jetzt. Ich hab nicht nur wieder mehr Energie -die war tatsächlich gar nicht so verschwunden, ich hab sogar ziemlich viel geschafft in der Zeit- ich kann mich wieder freuen. Ich arbeite meine Tagesliste ab und bin am Abend richtig zufrieden mit mir, weiß, dass ich vorangekommen bin, fühle mich glücklich. Nee, nicht nur Abends, sondern den ganzen Tag. Selbst in Momenten, in denen ich mich unglücklich fühle, hat das wieder die altbekannte Qualität und Intensität und nicht mehr einfach nur Taubheit.

Also wer immer das heute/diese Woche/diesen Monat/dieses Jahr lesen muss: Es wird wieder besser. Du musst dich nicht irgendwie zusammenreißen, du musst nicht ENDLICH mal was dagegen tun, du musst gar nichts. Es wird irgendwann wieder besser und bis dahin achte noch mehr auf dich als du es sowieso solltest.

*Am vermutlich gleichmeisten hat übrigens geholfen: Hormonelle Verhütung absetzen. Pro-Tipp für Frauen.

Was mich aber wirklich fertig macht, ist, dass ich in intensivsten Corona-Zeiten nicht mitbekommen habe, dass Rolf Zuckowski Wohnzimmervideos veröffentlicht. Das nagt.

Juli 3

Ich hab heut richtig schlechte Laune, ich bin total mies drauf…

Clickbait. Ätsch.

Ich hab heute ziemlich gute Laune. Ich hab viel geschafft, es ist schön draußen und ich kann schön drinnen rumhängen.

-Ah fuck, ich muss das Getier noch in’s Bett bringen, bin in fünf Minuten wieder da-

So, jetzt. Das Getier ist mit ein Grund, weshalb mein Tag so gut war. Wer Probleme mit Meditation/Achtsamkeits-Übungen hat, dem kann ich wärmstens zwei Küken empfehlen, die sich an einen schmiegen, etwas nibbeln und dabei leise vor sich hin zwitschern. Also sehr entspannender Abend nach einem sehr produktiven Tag.

Und trotzdem möchte ich über schlechte Laune reden. Vielleicht inspiriert von der Achtsamkeits-Übung. Da soll man ja oft Empfindungen spüren, ohne zu bewerten. Also wenn etwas weh tut, ist da erst mal nur was Schmerzendes, aber nichts Negatives. Eine gute Übung finde ich.

Aber wisst ihr, was noch eine gute Übung ist? Sich vornehmen, schlechte Laune zu haben.

Ich hab mal einen Schlechte-Laune-Tag gemacht. Geplant, freiwillig, bewusst. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich mir das am Tag vorher überlegt habe oder am gleichen Tag morgens. Ich GLAUBE, vorher, weil ich nämlich auch zeitnah einen Gute-Laune-Tag gemacht hatte. Die Regeln waren denkbar einfach: Den ganzen Tag alles scheiße (bzw am Tag vorher gut) finden.

Und es war schön. Ich erinner mich, dass mir das sehr leicht fiel, weil auch irgendwie viel Doofes passierte; die Arbeit war nervig, mir gelangen Sachen nicht, Leute waren blöd. Alles lief wie am Schnürchen Scheiße. Und ich war murrig. Und gleichzeitig aber irgendwie auch total zufrieden.

Das lehrt mich und uns zwei Dinge:

1. Meine Stichprobe ist klein (ein Tag), aber ich bin mir relativ sicher, dass Self-Fulfilling Prophecy n großes Ding ist in unserem Alltag. Keine Chance, dass mir zufällig an dem Tag dauernd alles misslang, einfach, weil das Universum es schlecht mit mir meinte. Ich hab mit meiner Erwartung den Quatsch angezogen. Und halt auch Negatives reininterpretiert, in Dinge, über die ich sonst lachen würde

2. Akzeptanz ist ein geiles Tool. Ich hab den ganzen Tag gegrummelt und habe mich trotzdem überhaupt nicht scheiße gefühlt. Dadurch, dass ich das erwartet und damit die Tatsache angenommen habe, hab ich das sogar irgendwie genossen. ich hatte mal einen Tag, wo nix geil sein MUSS, nix MUSS gut laufen, es kann einfach mal alles doof sein. Das war toll. Und ich war am Abend nicht frustriert oder traurig, sondern ich war entspannt.

Und ich wusste dann: Heute war ein Scheißtag und dann kann’s ja morgen nur besser werden. Wurde’s bestimmt auch, ich erinner mich nicht mehr.

Ich kann echt jedem:r nur empfehlen sich morgens mal bewusst vorzunehmen, dass das ‘n Kacktag wird. Es war toll! (Und zum Thema Akzeptanz und Panikattacken muss ich ja nicht viel sagen — mein ganzer Blog handelt ja quasi vom akzeptieren.)

*Die passende musikalische Untermalung zur Überschrift findest du, wenn du hier klickst

Juli 3

Keine Angst, es geht nicht nur um Angst

Noch eine Panikbloggerin. Noch eine, die erzählt, was ihr besonders gut hilft, wie sie es aus der Angst geschafft hat oder wie Angst ihren Alltag beherrscht und sie lähmt.

Nee, hab ich grad (auch?) keinen Bock drauf.*

Wir gehen das ganze jetzt mal anders an.

Ich hab seit ca 15 Jahren Panikattacken, ich war über die Zeit in drei Therapien, kurzfristige Arztbesuche und Hilfen nicht mitberechnet, ich bin jetzt durch. Irgendwo zwischen austherapiert und geheilt. Vielleicht gibt es da gar keinen so großen Unterschied.

Im positivsten aller Sinne. Ich hab nämlich gemerkt, dass ich eigentlich auch mit Panikattacken ganz zufrieden bin. Wobei das nicht ganz richtig und auch nicht ganz fair ist — jede:r, der:die Panikattacken hat, weiß, wie schlimm die sich anfühlen. Das weiß ich auch und ich sag nicht “Ich halt die einfach aus und das geht schon.” Ganz im Gegenteil. Ich mache das Schlechteste, was man tun kann, wenn man Panikattacken loswerden will: Ich vermeide. Ich bin Panikerin, weil/obwohl ich nur ganz selten Panikattacken habe. Weil ich mein Leben voll darauf ausgerichtet habe. Spoiler: Ich leide sehr wenig und 80% meines Leidens sind eher auf meine Töffeligkeit zurückzuführen statt auf die Angststörung.

Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle (und ich dran bleibe hier beim Schreiben), dann werd ich in nächster Zeit einfach mal darüber berichten, wie ich mich in meiner Panik eingelebt habe und wie ich als “hoffnungsloser Fall” so im Leben zurecht komme.

Kein Plan, in meiner Utopie stell ich mir vor, dass das irgendwann mal jemand liest und sich freut oder das sogar irgendwie hilft. Größenwahnsinnig, aber eigentlich hilft Sichfreuen ja eigentlich immer irgendwie.

*jede dieser Kategorien kann auch wahnsinnig wichtig und hilfreich sein — für Schreiber:in und für Leser:innen