August 28

In guten wie in schlechten Zeiten

Ausschnitt aus Trelloplan gegen Panikattacken

Ich schreibe über meine Panikattacken hier ja meist aus einer Warte heraus, dass alles schon ganz gut ist, wie es ist. Und dass man annehmen soll und dass man akzeptieren kann und dass eigentlich alles gar nicht so schlimm ist.

Und meistens empfinde ich das auch so. Aber manchmal gibt es auch Phasen, die – bei jedem – schwerer sind, wenn es beruflich, privat, gesundheitlich, whatever (für manche reicht vermutlich schon, dass der Fußballverein auf einem Abstiegsplatz steht) nicht angenehm ist.

Und in sowas steck ich gerade.

Selbstwahrnehmung vs Fremdwahrnehmung vs IST-Zustand

Ich halte mich selber für jemanden, die echt alles irgendwie immer nimmt und statt einem “warum?” immer ein “ok, isso” im Kopf hat. Aber wenn es mir dann mal richtig schlecht geht, frage ich mich schon, ob das wirklich die Wahrheit ist.

Manche, die mir folgen, haben es vermutlich mitbekommen, dass beruflich bei mir gerade ein Umbruch statt findet.

Dabei ist es nicht mal ein Umbruch eigentlich. Eigentlich will ich genau das Gleiche machen, was ich seit mehr oder weniger 13 Jahren mache. Nur für mehr Auftraggeber und irgendwie auch mit mehr Selbst…wert? Ich hab immer gedacht, ich hangel mich so hin und her und mach Krams, den fast jede:r könnte. Nur, dass die meisten eben einen 9-to-5-Job haben und sich darum damit nicht beschäftigen. Selbstwahrnehmung. Und jetzt möchte ich das ändern. Hin zu “Ich habe besondere Talente, ich kann Dinge besonders gut oder schneller als andere, weil sie mir leichter fallen und darum werde ich mich jetzt als Expertin und Fachkraft sehen”.

Aber mir fällt dieser Mindset-Wechsel total schwer. Ich kann mir ganz schwer vorstellen, dass ich nicht nur angemessen sondern sogar gut bezahlt werden sollte. Ich habe das Gefühl, ich müsste dafür viel mehr leisten. Viel mehr können. Viel mehr Zertifikate haben. Das stresst mich innerlich nun schon seit drei bis vier Wochen. Es hilft auch nicht, dass mein Umfeld (ja ja, ein Klischee, aber allen voran natürlich Eltern) seit 13 Jahren Dinge sagen wie: “Wenn du denn irgendwann mal was Richtiges arbeitest” (am Anfang), “Willst du dir nicht doch demnächst mal was Richtiges suchen?” (im Laufe der Jahre), “Tja, hättest du mal was Richtiges gemacht.” (in den letzten Monaten/Jahren)

Nun, da ich das so lese, das erinnert mich grob an dieses Model Phasen der Trauer, nämlich die Phasen LEUGNEN, VERHANDELN, DEPRESSION/AKZEPTANZ

Es geht zu Ende

Und nun merke ich, dass ich gerade an einen kritischen Punkt komme. Dass ich beim Spaziergang den Tränen nahe bin, weil “mich zu viele Autos überholen”. In meinem 1000-Leute-Dorf weit weg von ner Hauptstraße. Dass man mich abends fragt, was ich zum Mittagessen hatte und ich mich nicht mehr erinnere. Dass ich am Tag an fünf verschiedenen Projekten oder To-Dos gearbeitet habe und nie nur an einem gleichzeitig und irgendwie nichts fertig bekommen habe.

Ich bin eigentlich ganz gut im Multitasken. Und eigentlich stresst es mich auch nichts, sondern macht mir Freude, weil ich mich dann produktiv fühle (an alle lesenden Multitasker:innen: Wir machen uns da natürlich was vor – entweder es dauert länger, weil das Hirn jedes Mal Sekunden bis Minuten braucht, um sich nach dem Switch wieder auf den neuen/alten Task einzustellen oder die Arbeit wird schlechter. Manchmal beides.).

Auf jeden Fall geht es mir wirklich nicht gut. So nicht-gut, dass ich das auch hier schreibe und wenn Menschen (einigermaßen nahe Menschen) mich fragen, ich das auch formulier, weil ich auch irgendwie gar nicht die Energie habe, mir was auszudenken.

Corona-Nachwehen?

Ich hab in Foren und privat in letzter Zeit von vielen gelesen oder gehört, denen es ähnlich geht. Falls das nicht nur selektive Wahrnehmung von mir ist, habe ich eine Theorie.

Kennt ihr das, ihr, die “normal” fest Angestellten, dass ihr viel und auch gern arbeitet, dann aber irgendwann wirklich urlaubsreif seid, dann kommt dieser Urlaub auch – und zack, erste Urlaubswoche krank?

Ich hab die Theorie, dass das so ähnlich mit der Corona Situation sein könnte. Auch wenn viele, psychisch Vorbelastete aber auch Gesunde, in der akuten Zeit, sagen wir mal roundabout Kontaktsperre, wirklich mentale Probleme hatten, hat der Durchschnitt das eigentlich ganz gut weggesteckt. Und ich hatte es ja schon mal geschrieben: Für viele psychisch Kranke war es sogar irgendwie erleichternd. Auf jeden Fall haben wir uns größtenteils alle irgendwie so durchgelebt, Stichwort (Unwort) “Neue Normalität”.

Und laut meiner Theorie gehen wir jetzt in Urlaub. Tatsächlich, aber auch im übertragenen Sinne. Unabhängig davon, dass die Fallzahlen steigen, fühlt sich das alles nun weit weg an. Wir kommen zurück zur “Alten Normalität”, nur mit Masken und n bisschen anders. Und wir werden dann erst mal krank. Keine Ahnung, ob das hinhaut, ich habe absolut nichts Belastbares aus der Wissenschaft dazu.

Auge Verschwörungserzählungsmenschen: Wenn die Wissenschaft dazu rein gar nichts hat, ist das ein gutes Zeichen dafür, dass (m)eine Theorie Bullshit ist. –

Nur eine persönliche kleine Theorie, die es für mich nicht nur greifbarer sondern irgendwie auch aushaltbarer macht.1

So now what?

Ich hab für mich entschieden, dass ich mich das erste Mal seit ich-weiß-nicht-wann strukturieren MUSS. Ich mache mir nun Abends den Plan für den nächsten Tag. Und zwar so detailliert wie möglich. Ich habe mir Pausen genau notiert – und heute schon festgestellt, dass ich mich ganz schön zwingen muss, die dann auch wirklich zu nehmen. Mir kamen zwei neue Aufträge und ein privater Termin dazwischen, die relevant genug sind, um den Plan heute zu ändern und eigentlich eingeplante Dinge in den “Wenn es mal passt”-Ordner zu verschieben, die nicht akut sind. Aber eingehalten wird das alles. Ich notier mir akribisch wie eine Buchhalterin die genauen Uhrzeiten, wann meditiert wird. So weit ist es schon. Und wann es zu Facebook geht.

Gerade brauche ich das sehr, weil ich mich die letzten Wochen nur müde und schlimmer noch – neutral gefühlt habe. Neutral mag ich gar nicht. Gut ist ok, schlecht ist ok.

Aber bitte nicht neutral.

1 Kann ja auch wohl kein Zufall sein, dass es mir schlechter geht, seit Drosten im Urlaub ist, oder? ODER?

Juli 3

Corona – Forever at home

(Soft) Lockdown.

Ich bin seit einiger Zeit wahnsinnig viel zu Hause. Ich treffe natürlich auch mal Freunde, aber das passiert wirklich nicht häufig. Hobbies in Gruppen wie z.B. Chor, Yoga oder ein Sprachkurs habeich schon lange nicht mehr betrieben. Ich bleibe lieber zu Hause. Naja, ich gehe natürlich raus, aber dann eher irgendwo, wo keine Leute sind, aufs Feld mit meinem Hund zum Beispiel. Klar, treffe ich auch mal zufällig eine:n Nachbar:in und quatsche ein bisschen. Aber ich möchte mich da nicht lange aufhalten und gehe dann auch zügig weiter (oder gehe direkt irgendwo hin, wo ich weiß, dass da niemand ist).

Einkaufen muss ich natürlich, aber ich teile es mir ein. Ich gehe meist nur einmal die Woche in den Supermarkt. Extras oder kurzfristige Bedürfnisse müssen ja nicht unbedingt befriedigt werden; wenn ich es wirklich will, kann das auch bis zum nächsten Einkauf warten, aber ich muss nicht wegen zwei Teilen in den Supermarkt. Wenn ich im Supermarkt bin, verbringe ich meine Zeit nicht mit bummeln oder Sortiment begutachten. Ich weiß, was ich mag und was ich für gewöhnlich brauche und will mich da nicht länger aufhalten als nötig. Wenn die Schlange an der Kasse lang ist, speziell, wenn vor UND hinter mir Leute stehen, wird mir schon manchmal ein bisschen mulmig.

Shopping für Luxus beschränke ich auch nur auf das Nötigste. Wenn ich mal in die Innenstadt muss, dann kann es aber durchaus passieren, dass ich mehr Läden ansteuer als ich geplant habe. Wenn ich erst mal da bin, vergesse ich manchmal den aktuellen Zustand und dann fühlt es sich ok an, ein bisschen zu schlendern. Aber ich würde nicht losfahren, nur um ein bisschen zu gucken, was es so gibt. Das ist ein unnötiges Risiko. Und natürlich setze ich mich auch nicht in ein Café, um eine Pause zu machen. Da werde ich unruhig und beobachte meine Umgebung zu genau. Für Essengehen gilt das gleiche, vielleicht noch mehr, weil das meist eher drinnen stattfindet.

Menschenansammlungen — forget it. Die werden aus offensichtlichen Gründen natürlich fast komplett gemieden. Überhaupt vermeide ich zu nahen Kontakt mit Menschen. Ein Lächeln sieht man eh besser mit ein bisschen Abstand als direkt Gesicht an Gesicht.

Im Wartezimmer bei Ärzt:innen hoffe ich, dass die Terminplanung effektiv war, damit ich nicht zu lange Zeit in diesem kleinen, oft schlecht belüfteten Raum verbringen muss. Und ich möchte nicht so gern an Orte/in Gebäude gehen, die ich nicht kenne und wo ich nicht weiß, wie die baulichen Gegebenheiten sein werden.

Glücklicherweise kann ich von zuhause ausarbeiten. Ich muss nicht in den Berufsverkehr und in ein Büro/Schulklasse/Laden, in dem ich Kontakt mit jeder Menge Menschen habe. Zuhause habe ich meinen Schutzraum, da bin ich sicher und kann mich auf meine Arbeit konzentrieren.

Viele von uns leben gerade so. Durch Corona ist ganz viel an Sozialleben zum Stillstand gekommen (Duh-Doy!). Nur: Mein Leben ist schon ewig so und nicht erst seit Corona. Und ich genieße dieses Leben total.

Aber der Lifestyle war dennoch nie so 100% selbst ausgesucht, auch wenn ich mich gut eingelebt habe. Und Anderssein, das man sich nicht selber aussucht, ist immer ein bisschen ausgrenzender als bewusstes Anderssein. Wer meinen Kleidungsstil kennt, weiß, was ich meine. Was ich es mir selber aussuche, dann trage ich das mit Stolz. Mit (Selbst-)Bewusstsein. Wenn ich da rein geraten bin, egal wie glücklich ich bin, ist Anderssein immer ein bisschen unkomfortabel, vielleicht auch ausgrenzend.

Und auf einmal leben alle so wie ich. Auf einmal sind alle so “normal” wie ich. Und auf einmal bemerke ich, wie es so ist, wenn man ein normales Leben führt, das sich mit dem von vielen anderen vergleichen lässt. Und, dass gar nicht alle in diesem normalen Leben so happy sind wie ich. Dann merke ich noch mal extra, was für ein Glück ich habe. Und manche andere Leute merken auch, was für ein Glück sie haben könnten. Es gibt Menschen, die sich gerade wohler fühlen als in ihrem “alten” Leben. Und zwar nicht nur die, die psychische Krankheiten haben, die sich speziell auf’s Sozialleben auswirken. Es gibt nämlich viele, die das gerade so fühlen wie ich. Aber auch die, die nicht krank sind, die vorher einen ganz normalen 9 to 5 Alltag hatten oder was auch immer man normal nennt. Und die dieser Zeit irgendwie etwas Gutes abgewinnen können. Manchmal kombiniert mit dem Scheiß-Gefühl, dass sie bald wieder zurück müssen in ihr “Vorher”.

Ich komm jetzt keinem mit “Krise als Chance”-Bullshit. Ich glaub ziemlich fest, dass nach Corona quasi alles wieder sein wird wie vorher. Ein lebenslanger Alltag lässt sich nicht durch ein paar Monate ändern, jedenfalls nicht für die Allermeisten.

Ich freu mich nur, dass endlich mal kurz alle so normal wie ich waren.