Juli 3

Corona – Forever at home

(Soft) Lockdown.

Ich bin seit einiger Zeit wahnsinnig viel zu Hause. Ich treffe natürlich auch mal Freunde, aber das passiert wirklich nicht häufig. Hobbies in Gruppen wie z.B. Chor, Yoga oder ein Sprachkurs habeich schon lange nicht mehr betrieben. Ich bleibe lieber zu Hause. Naja, ich gehe natürlich raus, aber dann eher irgendwo, wo keine Leute sind, aufs Feld mit meinem Hund zum Beispiel. Klar, treffe ich auch mal zufällig eine:n Nachbar:in und quatsche ein bisschen. Aber ich möchte mich da nicht lange aufhalten und gehe dann auch zügig weiter (oder gehe direkt irgendwo hin, wo ich weiß, dass da niemand ist).

Einkaufen muss ich natürlich, aber ich teile es mir ein. Ich gehe meist nur einmal die Woche in den Supermarkt. Extras oder kurzfristige Bedürfnisse müssen ja nicht unbedingt befriedigt werden; wenn ich es wirklich will, kann das auch bis zum nächsten Einkauf warten, aber ich muss nicht wegen zwei Teilen in den Supermarkt. Wenn ich im Supermarkt bin, verbringe ich meine Zeit nicht mit bummeln oder Sortiment begutachten. Ich weiß, was ich mag und was ich für gewöhnlich brauche und will mich da nicht länger aufhalten als nötig. Wenn die Schlange an der Kasse lang ist, speziell, wenn vor UND hinter mir Leute stehen, wird mir schon manchmal ein bisschen mulmig.

Shopping für Luxus beschränke ich auch nur auf das Nötigste. Wenn ich mal in die Innenstadt muss, dann kann es aber durchaus passieren, dass ich mehr Läden ansteuer als ich geplant habe. Wenn ich erst mal da bin, vergesse ich manchmal den aktuellen Zustand und dann fühlt es sich ok an, ein bisschen zu schlendern. Aber ich würde nicht losfahren, nur um ein bisschen zu gucken, was es so gibt. Das ist ein unnötiges Risiko. Und natürlich setze ich mich auch nicht in ein Café, um eine Pause zu machen. Da werde ich unruhig und beobachte meine Umgebung zu genau. Für Essengehen gilt das gleiche, vielleicht noch mehr, weil das meist eher drinnen stattfindet.

Menschenansammlungen — forget it. Die werden aus offensichtlichen Gründen natürlich fast komplett gemieden. Überhaupt vermeide ich zu nahen Kontakt mit Menschen. Ein Lächeln sieht man eh besser mit ein bisschen Abstand als direkt Gesicht an Gesicht.

Im Wartezimmer bei Ärzt:innen hoffe ich, dass die Terminplanung effektiv war, damit ich nicht zu lange Zeit in diesem kleinen, oft schlecht belüfteten Raum verbringen muss. Und ich möchte nicht so gern an Orte/in Gebäude gehen, die ich nicht kenne und wo ich nicht weiß, wie die baulichen Gegebenheiten sein werden.

Glücklicherweise kann ich von zuhause ausarbeiten. Ich muss nicht in den Berufsverkehr und in ein Büro/Schulklasse/Laden, in dem ich Kontakt mit jeder Menge Menschen habe. Zuhause habe ich meinen Schutzraum, da bin ich sicher und kann mich auf meine Arbeit konzentrieren.

Viele von uns leben gerade so. Durch Corona ist ganz viel an Sozialleben zum Stillstand gekommen (Duh-Doy!). Nur: Mein Leben ist schon ewig so und nicht erst seit Corona. Und ich genieße dieses Leben total.

Aber der Lifestyle war dennoch nie so 100% selbst ausgesucht, auch wenn ich mich gut eingelebt habe. Und Anderssein, das man sich nicht selber aussucht, ist immer ein bisschen ausgrenzender als bewusstes Anderssein. Wer meinen Kleidungsstil kennt, weiß, was ich meine. Was ich es mir selber aussuche, dann trage ich das mit Stolz. Mit (Selbst-)Bewusstsein. Wenn ich da rein geraten bin, egal wie glücklich ich bin, ist Anderssein immer ein bisschen unkomfortabel, vielleicht auch ausgrenzend.

Und auf einmal leben alle so wie ich. Auf einmal sind alle so “normal” wie ich. Und auf einmal bemerke ich, wie es so ist, wenn man ein normales Leben führt, das sich mit dem von vielen anderen vergleichen lässt. Und, dass gar nicht alle in diesem normalen Leben so happy sind wie ich. Dann merke ich noch mal extra, was für ein Glück ich habe. Und manche andere Leute merken auch, was für ein Glück sie haben könnten. Es gibt Menschen, die sich gerade wohler fühlen als in ihrem “alten” Leben. Und zwar nicht nur die, die psychische Krankheiten haben, die sich speziell auf’s Sozialleben auswirken. Es gibt nämlich viele, die das gerade so fühlen wie ich. Aber auch die, die nicht krank sind, die vorher einen ganz normalen 9 to 5 Alltag hatten oder was auch immer man normal nennt. Und die dieser Zeit irgendwie etwas Gutes abgewinnen können. Manchmal kombiniert mit dem Scheiß-Gefühl, dass sie bald wieder zurück müssen in ihr “Vorher”.

Ich komm jetzt keinem mit “Krise als Chance”-Bullshit. Ich glaub ziemlich fest, dass nach Corona quasi alles wieder sein wird wie vorher. Ein lebenslanger Alltag lässt sich nicht durch ein paar Monate ändern, jedenfalls nicht für die Allermeisten.

Ich freu mich nur, dass endlich mal kurz alle so normal wie ich waren.

Schlagwörter: , , , ,
Copyright 2021. All rights reserved.

Veröffentlicht3. Juli 2020 von Tiffi in Kategorie "Glückliches

1 COMMENTS :

  1. Pingback: In guten wie in schlechten Zeiten - Glückliches Leben mit Angststörung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.